J’accuse


Foto: Jenny Posener

Wenn ich das Wort „alttestamentarisch“ lese, entsichere ich meinen Browning. Auch wenn das richtige Adjektiv verwendet wird, nämlich „alttestamentlich“. Beide Wörter sind Codewörter für „jüdisch“. Die jüdische Moral ist bekanntlich in den Augen der Christen minderwertig, weil sie dem Prinzip „Aug um Auge, Zahn um Zahn“ folgt, während die Christen ihre Feinde lieben. Natürlich verhält es sich umgekehrt. Zwei Jahrtausende hindurch haben sich die Christen an den Juden dafür gerächt, dass die Römer den Juden Jesus hingerichtet haben, und die Juden haben immer wieder die andere Wange hingehalten. Wie sagt Shakespeares Shylock: „Dulden ist das Zeichen unseres Stammes“.

Von Alan PosenerWELT ONLINE

Obwohl das alles bekannt und bis zum Überdruss wiederholt worden ist, stellten sich – kaum dass die Soldaten der christlichsten Nation unter der Sonne von ihrer Mission zurückgekehrt waren – in den deutschen Reaktionen auf die Liquidierung Osama bin Ladens sofort die Assoziationen mit dem Judentum wieder ein. Es ist ein Pawlowscher Reflex. Man denkt bei Mord sofort Jude. Als ein Beispiel unter vielen soll der Essay des seit einiger Zeit betont katholischen Autors Matthias Matussek im „Spiegel“ dieser Woche gelten. Matussek schafft es, auf zwei Seiten mindestens elf Mal das „alte“ Testament, das heilige Buch des Judentums, ins Spiel zu bringen – jedes Mal negativ. Die Psalmen, belehrt er uns, sind „düsterste Racheraserei gegen die Feinde Israels und Gottes“.

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