Radikale katholische Fundamentalisten steuern den Vatikan


Leben für Jesus
Wie fundamentalistische Kräfte den Vatikan steuern
Über die Fundamentalisten des Islam wird täglich geredet, doch die neue Kraft im Katholizismus wird gänzlich unterschätzt. Das sagt der Journalist und Autor Hanspeter Oschwald. In seinem Buch „Im Namen des Heiligen Vaters“ entwirft er das spannende Bild einer katholischen Kirche, die mit allen Mitteln Einfluss zu gewinnen versucht.

3sat-Kulturzeit (22.4.2010)

Sie predigen das Gestern und leben die Tradition. Fundamentalistische Bewegungen begeistern zunehmend junge Katholiken. Sie lassen alles hinter sich und beginnen völlig von Neuem, sagt Elisabeth, Mitglied der Fokolar-Bewegung. Sie nennen sich Legionäre Christi, Werk Mariens oder Opus Dei – katholische Sekten, die gefährlich sind, so sagen Kritiker. „Das waren gebrochene Persönlichkeiten. Die habe ich nach Jahren nicht mehr wieder erkannt“, berichtet Hanspeter Oschwald.

Keine Fundamentalisten, aber Radikale

In Loppiano bei Florenz besitzt die Bewegung der Focolarini alles: 260 Hektar Land, Häuser, Fabriken, sogar eine eigene Univerität, eine rein christliche Mustersiedlung. Die 1000 Einwohner haben ein gemeinsames Ziel: 24 Stunden am Tag für Gott zu leben. Marco Tecilla ist Mitbegründer der Fokolar-Bewegung. „Fundamentalisten sind wir nicht“, sagt er, „aber Radikale. Wir sagen entweder alles oder nichts.“ Der beinahe 90-jährige Tecilla war einer der Ersten, der Chiara Lubich folgte, einer katholischen Volksschullehrerin, der im Krieg Gott erschienen sein soll. In seinem Auftrag scharte sie fortan eine Hand voll Bewunderer um sich. Daraus sind Millionen geworden.

Der Tag in Loppiano beginnt mit stundenlangen christlichen Schulungen. „Wenn man in sich tot ist, dann ist man frei“, sagt Tecilla. „Denn es interessiert einen nichts mehr. Egal, ob man das macht oder jenes, ob man hierhin geschickt wird oder zurückgeholt wird. Wichtig ist einzig und allein, ihn zu lieben.“ Der langjährige Vatikan-Korrespondent Hanspeter Oschwald schreibt in seinem Buch, wie fundamentalistische Bewegungen die Kirche übernehmen. Der Papst, so sagt er, setze bewusst auf solche Kräfte. „Es gibt selten eine so treu ergebene ultrakonservative Gruppe wie diese“, sagt er, „die zwar behaupten, sie wären Erneuerungsbewegungen. Aber wenn ich ein modernes Gebäude abreiße und ein altmodisches hinstelle, zumindest im Stil alt, dann ist das zwar auch eine Erneuerung, aber rückwärts.“

Einfluss der Laienbewegung im Vatikan

Seit vielen Jahren wohnt Hanspeter Oschwald in Italien. Er hat viele Vertraute im Vatikan. Früher verfügten Kardinäle über eine eigene Hausmacht. Doch längst, so schreibt er, sind es die mächtigen Laienbewegungen, die bestimmen, wer an welches Amt kommt. „Die können klammheimlich überall ihre Leute postieren“, sagt der Autor, „und irgendwann wird die Kurie, der ganze Apparat der Kirchenspitze ticken, wie sie denken.“ Das Centro Elis in Rom ist ein Schul- und Sozialzentrum des mächtigen Opus Dei. 87.000 Mitglieder hat es weltweit.

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