Christlicher Scharlatan-Wunderheiler und das afrikanische Lourdes


Christliche Heil-Scharlatanerie hat längst Methode

Auf zum Wunderheiler!
Scharlatane profitieren in Äthiopien vom Leid der Verzweifelten. Sie versprechen, mit heiligem Wasser unheilbaren Krankheiten beizukommen. Ein Selbstversuch

Von Philipp HedemannDie Welt

Auf dem äthiopischen Berg Entoto hat sich so etwas wie das afrikanische Lourdes entwickelt

Der Superstar unter den Wunderheilern nimmt immerhin kein Geld für seine Behandlung

In Addis Abeba

Tigest schreit, als sei der Leibhaftige hinter ihr her. Die ausgemergelte Frau zuckt wie bei einem epileptischen Anfall, rudert mit den dünnen Ärmchen. Nur mit einer Unterhose bekleidet, kauert sie im Morgengrauen unter freiem Himmel neben sechs weiteren nackten Frauen, als Priester Bahtawi Gabriel Medhin ihr aus einem gelben Plastikkanister eiskaltes Wasser auf den Kopf gießt.

Er presst ihr ein großes hölzernes Kreuz an die Stirn und redet eindringlich auf sie ein. Mit Sebel, dem heiligen Wasser, treibt der orthodoxe Priester Tigest den Teufel aus und heilt sie. Von Aids. Das glaubt die von der unheilbaren Krankheit gezeichnete Frau zumindest. Dafür wohnt sie seit Monaten bei dem Mann, der sich mit einer grünen Regenhose gegen die eiskalten Wasserspritzer schützt.

Nachdem der letzte Schwall aus dem Kanister auf Tigests sorgsam geflochtene Zöpfe geprasselt ist, hört die in der Kühle des Morgens zitternde Frau auf zu schreien, streift sich ein zerschlissenes Kleid über, verbeugt sich tief vor dem Priester und schleicht sich auf wackeligen Beinen davon.

Warum hat die Frau so schrecklich geschrien, frage ich. „Sie hat nicht geschrien. Es war der Teufel, der in ihr wohnt. Das Sebel hat ihn verbrannt. Er wird ihren Körper bald verlassen“, antwortet der Wunderheiler. Der 45-Jährige hat keine Zeit zu verlieren. Ein Dutzend Männer und Frauen wollen sich heute Morgen noch von Dämonen und Krankheit befreien. Die erste Gruppe Aidskranker, Lahmer, Blinder und vom Teufel Besessener hat der orthodoxe Priester auf dem Entoto, einem 3200 Meter hohen heiligen Berg oberhalb der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba, bereits um drei Uhr nachts abgefertigt. Im Gegensatz zu den Kranken der Sieben-Uhr-Schicht haben sie noch einen Job, müssen deshalb mitten in der Nacht behandelt werden.

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