Sogyal Rinpoche: Buddhistische Tabus und sexueller Missbrauch


Foto: brightsblog

Im November 1994 erhob eine Amerikanerin namens Janice Doe Anklage im Streitwert von 10 Millionen Dollar gegen den tibetischen Lama Sogyal Rinpoche wegen sexuellen, psychischen und tätlichen Missbrauchs. Die Anklage wurde außergerichtlich beigelegt und Janice erklärte sich gegen eine finanzielle Entschädigung bereit, über die Vorfälle Stillschweigen zu bewahren.

Von Mary Finniganguardian.co.uk

Sogyal bestreitet die Missbrauchsvorwürfe, aber erneute Beschuldigungen gegen ihn wurden kürzlich laut in einer filmischen Dokumentation unter dem Titel Im Namen der Erleuchtung, die in Kanada auf Vision TV gesendet wurde. Eine hübsche junge Frau unter dem Namen Mimi beschrieb eine missbrauchsaffine sexuelle Beziehung. Sie war die erste, die seit dem Gerichtsverfahren im Jahre 1994 öffentlich über konkrete Erfahrungen mit Sogyals Missbrauchspraktiken berichtete.

Sogyal (Nachname Lakar – Rinpoche ist ein Titel, der der Wertvolle bedeutet) ist der Chef einer tibetanischen buddhistischen Organisation namens Rigpa, die eine weltweite Ausdehnung mit mehr als 130 Zentren in 41 Ländern hat. Er hat einen Bestseller mit dem Titel Das tibetanische Buch des Lebens und Sterbens verfasst und trat neben Keanu Reeves im Film Little Buddha auf. Sogyal ist ein außerordentlich erfolgreicher Guru und wahrscheinlich der bekannteste Tibeter nach dem Dalai Lama. Sein Aufstieg als buddhistischer Superstar erlitt in der Folge des Gerichtsverfahrens wegen Janice Doe nur einen zeitweiligen Rückschlag –und das obwohl schmierige Gerüchte über sein Sexualleben immer häufiger und in steigendem Ausmaß im Internet auftauchten.

Die Anschuldigungen werfen eine weiter gehende Frage auf: warum sind die Opfer sexueller Übergriffe durch einen charismatischen religiösen Führer so zurückhaltend, die Täter an den Pranger zu stellen? In dem kanadischen Dokumentarfilm ist Mimi ein gutes Beispiel für das Stockholm Syndrom – ein Begriff, der die paradoxe Reaktion von Menschen beschreibt, die sich mit den Tätern quasi identifizieren. „Jemand, der uns schlägt“, sagt sie, „ist gleichzeitig der einzige, der uns Zuwendung gibt – und Nahrung und ein Dach über dem Kopf.“

Die Soziologin Amanda van Eck ist stellvertretende Direktorin von Inform, der Informationsstelle über Kulte an der London School of Economics. Sie sagt, Angst ist wahrscheinlich der Hauptgrund, warum Frauen Stillschweigen bewahren: „In einigen Gruppen gab es die Furcht vor Vergeltung“, sagt sie, „woraus folgt, dass sie sich nicht öffentlich exponieren wollen. In anderen Fällen, die sich vielleicht mit dieser Angst vor Vergeltung berühren, haben sie Angst vor negativen Folgen – vor der Verdammnis, und dem Verlust der Erlösung, davor von bösen Geistern besessen und von negativen Mächten angegriffen zu werden und so weiter.“

Wenn die Außenwelt von Kultführern dämonisiert wurde, sagt van Eck, haben Frauen auch Angst davor, dass sie niemandem mehr trauen können.

Viele Frauen, die anonym oder im Internet sexuellen Missbrauch beschrieben haben, weigern sich, sich öffentlich zur Schau zu stellen, weil sie die Erlebnisse lieber verdrängen wollen, als wieder an trauma-tische Perioden in ihrem Leben zu rühren. Einige glauben auch, sie müssten ihre Familien schützen.

Nach meiner persönlichen Erfahrung gibt es zwei Tabus in buddhistischen Organisationen, die beide ihren Sinn haben, aber auch als manipulative Instrumente benutzt werden können. Das eine ist das Widerstreben gegen Geschwätz – sinnvoll, wenn man versucht einen ausgeglichenen Geisteszustand zu erreichen, aber auch, wenn man das Verbreiten von kritischen Kommentaren verhindern möchte.

Das zweite ist samaya – die Bindung der Loyalität, die einer der zentralen Grundsätze des tibetischen Buddhismus ist. Er festigt die Beziehung zwischen Lehrer und Jünger, aber er kann auch skrupellos als Drohung benutzt werden – brich dein samaya und beschwöre unheilvolle Konsequenzen auf dich und die dir Nächsten herab.

Ein anderer Aspekt ist, dass es einem einen hohen Status in der Organisation verschafft, wenn man in den inneren Kreis um einen wichtigen Guru aufgenommen wird. Frauen bringt man bei, den Meister als Gottheit zu sehen und seinen Wünschen und Launen zu willfahren, irrwitzige Arbeitsleistungen für ihn zu erbringen und ihm nach Bedarf für sexuelle Dienste zur Verfügung zu stehen. Sie werden von ihrer Familie und ihren Freunden ferngehalten, Kontakte mit der Außenwelt werden unterbunden und ihnen wird suggeriert, die Organisation als Familie zu sehen, mit dem Guru (auf verwirrende Weise Vater und Liebhaber in einem) als absolutem Machthaber und völliger Kontrollinstanz. Bis Frauen klar wird, dass sie missbraucht werden, sind sie bereits missbraucht und ausgebeutet und in das Zwangskorsett des Kults eingeschnürt worden. Dann ist es für sie oft zu spät, sich daraus wieder zu befreien. Sie haben sich vollständig in diesen Kult verstrickt und ihre Möglichkeiten, ihr eigenes Leben außerhalb der Organisation zu gestalten, sind völlig zunichte geworden.

Ob nun Sogyals Beziehungen wie behauptet von Missbrauch gezeichnet waren oder nicht, sie werfen eine andere Frage auf: wie kann ein kleingewachsener, übergewichtiger Lama auf hübsche junge westliche Frauen anziehend wirken? Die Antwort liegt in der Mystik des Tantra, der einzigen buddhistischen Tradition, die die sexuelle Vereinigung als einen Schritt auf dem Weg zur Erleuchtung sieht. Professor Geoffrey Samuel von der Universität Cardiff erklärt: “In der dritten Initiation des höchsten Yoga Tantras wird die sexuelle Vereinigung als Parallele zur Erfahrung der Erleuchtung gesehen. Sie erzeugt bestimmte Gefühle, die zum Erreichen des Zustands der äußersten Verwirklichung führen – in anderen Worten zum Zustand des Buddha.“

Aber Samuel sagt, dass, obwohl sich diese erhabene Version des heiligen Sexus in tibetanischen buddhistischen Schriften findet, man sie nicht verwechseln sollte mit der modernen Neo-Tantra –Bewegung und dass sie auch nicht angemessen ist für neu gewonnene Konvertiten zum Buddhismus. „Ein älterer Guru, der junge Frauen verführt, tut dies wahrscheinlich nicht deshalb, weil er sie zur Erleuchtung führen möchte.“

Tibetaner außerhalb Tibets sind Flüchtlinge, die sich ständiger Bedrohung durch Kräfte außerhalb ihrer Kontrolle ausgesetzt sehen. Zu ihren gesellschaftlichen Konventionen gehört ein Tabu, das Kritik an Lamas verbietet. Der Dalai Lama wird durch dieses Tabu in die Pflicht genommen und ebenso die Mehrheit der Lamas, die im Westen lehren. Sie haben die Reihen um Sogyal fest geschlossen, ungeachtet dessen, dass sie angesichts der Anschuldigungen Vorbehalte gegen ihn haben. Eine zynischere Begründung dieser offensichtlichen Verschwörung des Schweigens resultiert aus der Tatsache, dass Sogyal eine Menge Geld einnimmt, von dem einiges in ehrenwerte tibetische Anliegen fließt.

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5 Gedanken zu “Sogyal Rinpoche: Buddhistische Tabus und sexueller Missbrauch

  1. exrigpa

    Als ehemaliger Schüler dieses „Rinpoche“ kann ich die Vorwürfe dieses Artikels nur bestätigen und ausdrücklich vor Rigpa warnen! Es handelt sich dabei um eine gefährliche Organisation mit sektenähnlichen Strukturen!
    Mehr Informationen:
    http://dialogueireland.wordpress.com/2010/02/03/briefing-document-on-sogyal-rinpoche-5th-symphony/
    http://dialogueireland.wordpress.com/category/rigpa/
    und eine Vorschau der oben erwähnten Dokumentation:
    http://dialogueireland.wordpress.com/2011/05/23/sex-scandals-in-religion-sogyal-rinpoche/

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  2. Jaccard

    Ich werde seit meiner Kindheit von Sogyal Rinpoche mit Hilfe der Polizei in meiner Wohnung beobachtet. Ich sollte von ihm unterrichtet werden. Das geschah ohne mein Wissen, bis ich es 2006 selber herausgefunden habe. Sie schafttenes, meine gesamte Umwelt zu manipulieren, so dass ich bis heute von meiner Familie und umwelt belogen werde. Die Polizei benutzt die Methoden der telepathie. Sie benutzt ihre Macht, auch Juristen zu beeinflussen, so dass es mir nicht gelungen ist, sie an zu zeigen. Sogayal Rinpoche ist ein Verbrecher und gehört ins gefängnis.
    Wer als Zeuge aussagen möchte. Danke!

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  3. naastika

    “ die Amoralität fast aller Buddhistischen Schulen“ : welcher denn?
    Ist Dhamma, also die buddhistische Lehre amoralisch? Oder sind es Taten bestimmter Menschen, die als Dhamma-Lehrer auftreten?

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  4. Blah

    Empfehle unbedingt das Buch von Colin Goldner. Lasst euch nicht von der fast übermächtigen PR-Maschinerie vom guten edlen Dalai Lama und vom friedfertigen Buddhismus blenden. Obiger Fall ist nur eine weitere Bestätigung für die Amoralität fast aller Buddhistischen Schulen.

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