Muezzinruf und Glockenläuten: »Viel Lärm um nichts«


Joachim Kahl, Quelle: wikipedia

Weltlicher Humanismus. Eine Philosophie für unsere
Zeit

Von Hans-Martin BarthEvangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen

Joachim Kahls „Weltlicher Humanismus“ hat innerhalb von drei Jahren vier Auflagen erlebt. Das lässt aufhorchen. Wie erklärt es sich, dass sein Buch so gut ankommt? Wer sind die Leserinnen und Leser, die sich für das interessieren, was er schreibt? Er weiß, dass wir Menschen „sinnbedürftige und sinnfähige Wesen“ sind (123), und empfiehlt „nachdenkliche Distanz zu sich selbst und zur Welt“ (15). Er vertritt eine „skeptische Vision“, die eine Perspektive aufzeige „für dieses eine Leben im Schoße dieser einen Menschheit in dieser einen Welt auf diesem einen Erdball mit Hilfe dieser einen Vernunft“ (30). Er wiederholt zwar einige der üblichen Argumente für den Atheismus – es existiere kein Gott, „der die Welt geschaffen hat“ oder „Tiere und Menschen aus ihrem Leben erlöst“ (106). Er bekennt sich aber zu einem Naturalismus, dem der blanke Materialismus zu eng ist und der in der Diskussion mit Evolutionstheorie und Hirnforschung entfaltet wird. Diese Position erlaube ein „wohldurchdachtes Ja zu Metaphysik“ und ein ebenso „wohldurchdachtes Nein zu Religion“ (66ff, 85ff). Das Absolute, von dem auch Kahl spricht, gewähre „Halt, aber kein Heil“ (76ff). Die noch immer verführerische Kraft der Religion begegnet dem humanistischen Philosophen im 23. Psalm oder in Bonhoeffers Zeilen „Von guten Mächten wunderbar geborgen“. Er habe aber „seit langem begriffen“, dass dies „ein Exempel für autosuggestives Wunschdenken“ ist (90f). Er wendet sich gegen die Vorstellung, der Mensch könne ohne Religion nicht gedacht werden. Aber „Religion ist und bleibt nur eine menschliche Möglichkeit … Die Freiheit von Religion tritt gleichrangig neben die Freiheit zu Religion“ (89). Das heute Europa bestimmende säkulare Bewusstsein könne sich „in einer ehrwürdigen Tradition der Religionsindifferenz, Religionskritik, Religionslosigkeit“ wissen (88).

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1 Comment

  1. In diesem sehr lesenswerten Buch, das sich nicht in philosophischer Unverbindlichkeit ergeht, sondern konkret und zupackend das Notwendige und Wünschenswerte beim Namen nennt, wird ein wohl begründetes und abgerundetes humanistisches Lebensmodell beschrieben. Im abschließenden autobiographischen Kapitel formuliert der Autor für sich eine Einsicht, die geradezu vorbildlich zu nennen ist, die er aber auch durch sein eigenes Leben glaubwürdig gemacht hat, und die für uns alle gelten sollte. Es heißt dort (S. 253): „Die Treue zur Wahrheit steht dabei höher als die Treue zu mir selbst. Über der Geradlinigkeit steht die intellektuelle Redlichkeit, die ohne produktive Untreue zu sich selbst nicht möglich ist. Die Dialektik von Treue und Untreue, von Kontinuität und Diskontinuität, von Entfaltung und Bruch wird verkannt, wenn einseitig nur gelobt wird, jemand sei sich stets selbst treu geblieben und geradlinig seinen Weg gegangen. Demonstratives Festhalten an bisherigen Positionen kann auch von Selbstüberschätzung und Selbstgerechtigkeit zeugen. … Es gibt ein Recht auf Irrtum, aber kein Recht im Irrtum zu beharren. Vielmehr besteht die Pflicht zur Irrtumskorrektur, die im Verlauf eines Reifungsprozesses erkannt wird.“

    Ausdrücklich muss gewürdigt werden, dass Joachim Kahl in voller Kenntnis der zu erwartenden Schwierigkeiten und Anfeindungen, die er sich durch die Abkehr vom Christentum gleich nach seiner Promotion in Theologie zuzog, dennoch bis heute unbeirrt seinen Weg der Aufklärung gegangen ist. Für mich ist seine Haltung bewundernswert und absolut vorbildlich. Um die Moral in unserer Gesellschaft stünde es besser, wenn wir mehr Menschen seiner Statur hätten.

    Siehe z.B. bei http://www.amazon.de – Joachim Kahl: Weltlicher Humanismus: Eine Philosophie für unsere Zeit.

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