„An eye for an eye makes the whole world blind“


Für Christen gilt Jesu Aufforderung aus der Bergpredigt: "Nicht mehr 'Auge um Auge, Zahn um Zahn', sondern wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar." Foto: marqs/photocase

Am Wochenende verzichtete die Iranerin Ameneh Bahrami überraschend auf ihr Recht, gemäß dem Prinzip „Auge um Auge“ ihren Peiniger zu blenden, der ihr durch eine Säure-Attentat das Augenlicht genommen hatte. Grundlage für das Gerichtsurteil war das islamische Recht, das im Iran zur Anwendung kommt. Die Scharia erlaubt einem Geschädigten, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Auch in der jüdischen und christlichen Tradition gibt es das Prinzip „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Dieses so genannte Talionsrecht kennt der Islam, das Judentum und das Christentum. Bei diesem Rechtsgrundsatz steht jedoch nicht die Rache, sondern deren Eindämmung im Vordergrund.

Von Jochen Flebbeevangelisch.de

Der Fall der Iranerin Ameneh Bahrami und auch die Tötung Osama bin Ladens haben die Frage nach Rache und Vergeltung aktuell werden lassen. Ameneh Bahrami war das Recht zugesprochen worden, an dem Täter, der sie mit Säure im Gesicht entstellt und erblinden lassen hatte, Rache zu üben und ihn gleichfalls zu blenden. Auch wenn islamisches Recht zur Anwendung kam, wurde der Fall im Westen oft mit den Worten kommentiert, hier gehe es um Rache im Sinne des „alttestamentarischen Vergeltungsdogmas ‚Auge um Auge, Zahn um Zahn'“. Damit stehen für Christen einige Fragen offen. Ist das Alte Testament ein Buch der Rache? Steht ihm das Neue Testament als Buch der Feindesliebe gegenüber? Wie steht die Bibel zu Gewalt, Rache und Vergeltung?

Spirale der Gewalt stoppen

Zunächst ist es entscheidend zu wissen, dass es bei der Idee „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ im Alten Testament keinesfalls um Vergeltung geht. Vielmehr ist dies ein Wort gegen die Gewalt. Ganz ursprünglich ging es in einer Welt von Nomaden ohne staatliche Rechtsordnung um die Begrenzung der Blutrache. Die Spirale der Gewalt durch sich immer weiter überbietende Racheakte sollte durchbrochen werden, indem genau begrenzt wurde, in welchem Umfang Rache geübt werden durfte. Im alttestamentlichen Rechtssystem hat das Wort nun gar nichts mehr mit Vergeltung zu tun, sondern es geht um Schadenersatz. Es schreibt nicht das Recht des Opfers auf Rache fest, sondern nimmt den Schaden ernst und regelt seinen Ersatz.

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