Indien: Der Baukasten der Religiosität


Sadhus in Varanasi: Nur eine Facette indischer Religiosität. (Bild: Imago)

Teilzeitgötter, Tantriker und Epensänger
William Dalrymple bringt neun Facetten indischer Religiosität zum Funkeln

Von Claudia WennerNZZ Online

Dieses Buch handelt nicht von Ashrams und Gurus und nur bedingt vom subjektiven Erleben des Autors. Im Mittelpunkt stehen Schicksal und Alltag von Menschen, die selbst das Wort ergreifen und von ihrem oft dramatischen Leben erzählen, das immer eng mit ihrem Glauben verbunden ist: Die einen sind wie ihre Väter drei Monate im Jahr Theyyam-Tänzer (ein ritueller Trancetanz aus Nordkerala) oder wandernde Epensänger und Dorfschamanen oder Bronzegiesser, die Götterfiguren fertigen; die anderen mussten, um ihren Glauben leben zu können, mit ihrer Familie brechen oder ihr Land verlassen – eine Jaina-Nonne aus Raipur, die ein langes, rituelles Fasten bis zum Tod begonnen hat; eine aus dem indischen Bihar stammende Sufi-Mystikerin in einem Schrein im pakistanischen Sindh, dessen Existenz durch Mullahs und Taliban bedroht ist; ein tibetischer Mönch, der den Dalai Lama auf der Flucht begleitete, dann in der indischen Armee kämpfte und nun die von ihm ausgeübte Gewalt zu sühnen versucht; eine der Göttin Yellama geweihte Devadasi aus Karnataka, die als Kind verkauft wurde, als Tempelprostituierte arbeitet und beide Töchter an Aids verlor; eine Tantrikerin, die auf einem Einäscherungsplatz in Westbengalen ihr Zuhause gefunden hat, sowie singend über die Dörfer ziehende musizierende Mystiker – bengalische Bauls.

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