Die Vermessung des Glaubens


Quelle: Badische Zeitung

Wissenschaftler untersuchen das Phänomen religiöser Erfahrung – ihre Ergebnisse polarisieren.

Von Ulrich SchnabelBadische Zeitung

Vor einigen Jahren kam es in der rumänischen Stadt Timisoara zu einem kuriosen Prozess: Ein Mörder wollte Gott vor Gericht verklagen. „Während meiner Taufe bin ich einen Vertrag mit dem Beschuldigten eingegangen, der mich vor dem Bösen bewahren sollte“, schrieb Mircea Pavel in seiner Klageschrift. Doch Gott habe seinen Teil dieses Vertrags nicht eingehalten; deshalb müsse er, Pavel, nun eine zwanzigjährige Haftstrafe absitzen. Dafür wollte er „den genannten Gott, wohnhaft im Himmel und in Rumänien vertreten durch die orthodoxe Kirche“, haftbar machen. Das Gericht zeigte sich allerdings wenig beeindruckt. Gott sei keine juristische Person und habe nicht einmal eine Adresse, argumentierte die Staatsanwaltschaft. Die Klage wurde deshalb postwendend abgewiesen.

Der Fall verdeutlicht, dass Verpflichtungen im religiösen Bereich stets nur vom Menschen ausgehen können, niemals jedoch vom Gegenstand des menschlichen Glaubens. Gott gibt keine Garantie, er unterliegt nicht der Logik eines Gebrauchtwagenhändlers. Niemand kann ihn für ausstehende Leistungen haftbar machen oder ihm unterlassene Lieferungen in Rechnung stellen. Letztlich kommt es auf das Verhalten der Gläubigen an.

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