Die Natur gibt es nicht


Quelle: http://www.pics4gb.com

Die Vorstellung, Natur sei etwas für sich Seiendes, das dem Menschen, der Vernunft oder der Gesellschaft gegenüberstehe, führt in die Irre. Diejenigen, welche «die» Natur schützen wollen, teilen diese Vorstellung mit denjenigen, die «die» Natur als blosse Ressource betrachten.

Von Michael Hampe NZZ Online

Die Ideologie, dass es keine Ideologien mehr gibt, ist verbreitet. Tatsächlich ist der öffentliche Diskurs heute nicht ideologiefrei – eine Markt- und eine Natur-Ideologie untergraben gegenwärtig Unterscheidungsfähigkeiten. In diesen Ideologien sind beide «gut»: Markt wie Natur. Man muss sich, so wird nahegelegt, nur nach ihnen richten, sie regeln selbst alles zum Besten. Börsencrashs und Erdbeben scheinen als unliebsame Ereignisse in einem nicht ganz durchschaubaren, aber doch angeblich Orientierung liefernden grossen Ganzen hinzunehmen zu sein.

Ideologien geben abstrakten Schemata in der Handlungsorientierung Vorrang vor Einsichten in konkrete Lebensverhältnisse. Wo es an Urteilskraft mangelt, springen sie mit Stereotypen wie «Konkurrenz ist gesund» oder «die Natur ist unerbittlich» in die Bresche. Religiöse Sprachen wie auch wissenschaftliche Terminologien können sich, werden sie von Verfahren der Kritik und ihrem ursprünglichen Erfahrungshintergrund abgekoppelt und dogmatisch verallgemeinert, in Ideologien verwandeln. So geschah es den Theorien von Marx und Darwin im Marxismus-Leninismus und Sozialdarwinismus oder dem Schöpfungsglauben im Kreationismus.

weiterlesen