Der sich den Ratzinger tanzt


Beginnen wir mit einer Erinnerung an den 14. August 1943: An diesem Tage feierte der jüdische Schriftsteller Alfred Döblin im kalifornischen Exil seinen 65. Geburtstag. Eben jener Döblin, der spätestens seit seinem Großstadtroman „Berlin Alexanderplatz“ (1929) zur Avantgarde der Weimarer Republik zählte und der durch sein Engagement in der linksgerichteten Gruppe 1925 auch politisch positioniert war. Alles, was Rang und Namen hatte, hatte sich an diesem Tage im kleinen Theatersaal von Santa Monica in der Nähe von Hollywood eingefunden, um dem vereinsamten Exil-Kollegen die Ehre zu erweisen. Auf der Gästeliste so illustre Namen wie Bertold Brecht und Helene Weigel, Hanns Eisler, Lion Feuchtwanger und die Gebrüder Mann, von denen Heinrich sogar die Festrede übernahm. Doch dann geschah das Unerwartete, der Eklat.

Von Cai Werntgen – tp

In seiner Dankesrede beginnt Döblin plötzlich von Religion zu reden und endet mit dem persönlichen Bekenntnis, dass er bereits 1941 zum Katholizismus konvertiert sei. Konsterniertes Schweigen im Publikum. Man hatte den linken Avantgarde-Mitstreiter ehren wollen und fand sich plötzlich mit einem katholischen Konvertiten konfrontiert. Verstört verließen einige der Gäste den Festsaal.

Der genaue Wortlaut der Konversions-Rede ist nicht überliefert. Doch existieren einige Dokumente der Empörung, die sie bei den Gästen auslöste. Darunter an prominentester Stelle ein Gedicht mit dem Titel „Ein peinlicher Vorfall“, in dem Bertold Brecht seine Enttäuschung lyrisch verarbeitete. Vom Sturz des „gefeierten Gottes“ ist dort die Rede, der auf der Bühne, die eigentlich den Künstlern gehört, einen mehrfachen Tabubruch begeht: die öffentliche Rede von „Erleuchtung“ und das Bekenntnis zur Religion als schamloser, ja „unzüchtiger Kniefall“, der die „irreligiösen Gefühle“ seiner Zuhörer verletzt.

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