Irrlehrer: Fliegende „Ketzer“-Pfarrer


Die evangelischen Kirchen können ihre eigenen Pfarrer rauswerfen, wenn sie Irrlehren vertreten. Seit 1910 ist das dreimal vorgekommen. Foto: lagom /fotolia

Was müssen Pfarrer glauben? Dürfen sie predigen, dass es Gott nicht gibt? Offensichtlich nicht, das zeigt aktuell wieder der Fall des Hamburger Theologen Paul Schulz. In Anführungszeichen wird Schulz in den Medien als „Ketzer“ bezeichnet – ein Begriff, der mittelalterlich anmutet. Ein „Ketzer“ ist einer, der einer Irrlehre, einer Häresie anhängt. Doch das Wort Häresie (vom griechischen haíresis) bedeutet nicht mehr als „Wahl, Anschauung“. Demnach ist ein Häretiker einfach nur einer, der eine andere Anschauung als die offizielle Lehre der Kirche vertritt.

Von Anne Kampfevangelisch.de

Gerade in den evangelischen Kirchen ist vieles zu glauben erlaubt. Die Anschauungen über Gott und dessen Beziehung zu den Menschen gehen weit auseinander, und das darf durchaus so sein. Wann ein Ketzer ein Ketzer ist oder anders ausgedrückt: Welche Lehre als Irrlehre gelten soll, ist deshalb nur schwer festzustellen. Der Marburger Neutestamentler Rudolf Bultmann (1884-1976) hat dazu gesagt: „Es kann in der protestantischen Kirche keine Verwaltungsinstanz geben, die die Lehrnorm festsetzt und autoritativ über rechte Lehre und Irrlehre entscheidet.“ Doch es gibt sie, solche Verwaltungsinstanzen: die so genannten Spruchkammern, die im Einzelfall über die Lehre von Pfarrern urteilen.

Was also darf ein Pfarrer nicht lehren? Im Protestantismus gibt es keine Dogmen, also keine unumstößlichen Glaubenssätze wie in der katholischen Kirche. Für evangelische Pfarrerinnen und Pfarrer gelten neben der Bibel die Bekenntnisschriften der lutherischen, reformierten oder unierten Kirche sowie die Grundordnungen ihrer jeweiligen Landeskirche. An den Inhalt dieser Schriften binden sich die Pfarrer mit ihrer Ordination. Weichen sie später von den Bekenntnissen extrem ab, kann es zu einem so genannten Lehrbeanstandungsverfahren kommen (auch Lehrzuchtverfahren genannt; davon zu unterscheiden sind Disziplinarverfahren).

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