Wie die Klarheit des Denkens katholisch vermanscht wurde


Quelle: dradio.de

Wo man nicht weiß, worin die Würde des Menschen begründet ist, steht diese selbst auf dem Spiel. Dies ist ein nicht geringes Geschenk des Katholizismus – nämlich die Frage nach dem Wert des Menschen in das Denken und Bewusstsein eingeschrieben zu haben.

Von Rainer KamplingDeutschlandradio Kultur

In diesen Tagen zeigt sich der Katholizismus als eine Kirche, die hierarchisch auf das Papstamt ausgerichtet ist, und als eine Glaubensgemeinschaft, welche dem Feiern und den Festen zugetan ist. Was sich da zeigt, wäre zu wenig. In solchen Tagen ist daran zu erinnern, dass die römisch-katholische Kirche die Geschicke dieses Kontinents im Guten wie im Bösen mitgeprägt hat. Eine europäische Geschichte seit der Spätantike kann ohne sie nicht geschrieben werden.

Und auch wenn unbestreitbar gilt, dass viele Ideale der demokratischen Gesellschaft zunächst gegen die Kirche durchgesetzt werden mussten, so gilt doch zugleich, dass sich eben diese Ideale in einem christlich geprägten Kontext entwickelt haben.

Fast in kollektive Vergessenheit ist es geraten, dass über Jahrhunderte hinweg bis zu Beginn der Neuzeit das europäische Denken zugleich theologisches Denken war. Es war eine strenge Schule, durch die dieses Denken ging. Sie hatte ja immer mit den letzten Fragen zu tun, unbeschadet, ob man nun über den Menschen, seine Welt oder seine Schöpfung verhandelte. Keines dieser Themen konnte rein weltlich gedacht werden. Jedes öffnete sich dem, was über den Menschen hinaus verweist.

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2 Comments

  1. @Georg Wolf
    „Man braucht nicht erst Nietzsche, um zu erkennen, dass ganz wesentliche Elemente unserer Kultur mit dem Christentum zentral zusammenhängen.“

    Welche Elemente können das denn sein? Aberglaube, Irrationalität, Intoleranz, menschenverachtende Diskriminierung und Verfolgung von Ungläubigen, der bedingungslose Kampf gegen die menschliche Vernunft?

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  2. Herr Kampling trifft zwar die wichtige Unterscheidung zwischen Christentum und organisierter Kirche, aber nur, um sie danach wieder nach Kräften zu verwischen. Man braucht nicht erst Nietzsche, um zu erkennen, dass ganz wesentliche Elemente unserer Kultur mit dem Christentum zentral zusammenhängen. Und es wäre auch mehr als verwunderlich, wenn ein so lange vorherrschendes Denken nicht ebenso massive Spuren in jedweder Gestalt hinterlassen hätte, und sei es als Radikalisierung oder Gegensatz. Die Verwischung kommt auch in folgenden Worten zum Vorschein: „Diese Klarheit des katholischen Denkens kann durchaus Respekt abnötigen, ja ein Unwohlsein auslösen. Denn heute wird die Bedeutung selbst zentraler Begriffe fast beliebig geändert, hat nicht nur der öffentliche Bereich verlässliche Sprache verloren, ist selbst die Erinnerung daran verschwommen, wie einst Sprache verantwortlich gebraucht worden ist.“ Es ist zu vermuten, dass Herr Kampling hier auf die Scholastik oder die Neoscholastik anspielt. In jedem Fall ist zu konstatieren, dass die begriffliche Sicherheit, die darin zu finden war, eine Fiktion war und ist; es sind Musterbeispiele rein selbstreferentieller Systeme. Dass die Philosophie über viele Jahre de facto an einer Relativierung vieler Begriffe gearbeitet hat, ohne diese per se zu beabsichtigen, ist ein großer Fortschritt. Wir sehen eben heute eher, wie unscharf und relativ zum jeweiligen Kontext viele Aussagen sind und müssen uns halt selber anstrengen statt im Katechismus oder bei den Kirchenvätern nachzuschlagen. Scholastische Texte lösen im Übrigen bei vielen weniger ein „Unwohlsein“ als Kopfschütteln aus. Man sieht die starke begriffliche Arbeit, aber zugleich die Willkür darin und dass die prätendierte Gewissheit letztlich nur Anmaßung und Schein ist. Das relativiert auch die Rede vom „verantwortlichen Gebrauch“ der Sprache, die angesichts der Entstehung der unzähligen katholischen Dogmen, ideologisch aufgerüsteten Verfolgungen von Abweichlern und Andersdenkenden sowie politisch motivierten ethischen Anmaßungen sich eines mehr als faden Beigeschmacks nicht wird erwehren können.

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