Islamdebatte: Viel Lärm um nichts


Patrick Bahners © FAZ

Rechtspopulisten, Islamkritiker, Aufklärungsfundamentalisten – wie sie mit dem Islam und den Muslimen umgehen und worin die Gefahren bestehen. Patrick Bahners, Feuilletonchef der FAZ, plädiert für Offenheit und den demokratischen Austausch.

Von Sabine Reul, Johannes RichardtMIGAZIN

Wenn man das mal einleitend auf den Punkt zu bringen versucht, würden wir sagen: Ihre Kritik der Islamkritik ist ein Plädoyer für den offenen Umgang mit den Herausforderungen der Gegenwart und eine scharfe – oft auch humorvolle – Polemik gegen die Prediger der Angst und des Ressentiments.

Sie konstatieren eine bemerkenswerte Bereitschaft durchaus tonangebender Kreise der deutschen Gesellschaft zur Kultivierung von Untergangsvisionen, die sich eben zurzeit vor allem am Islam als Bedrohung festgemacht haben. Da werden Dinge geäußert, gefordert und auch politisch umgesetzt (man denke an die Kopftuchverbote), die das liberale Selbstverständnis unserer Gesellschaft in maßgeblichen Bereichen zur Disposition stellen. Das reicht – um nur ein paar der von Ihnen beschriebenen Themen anzusprechen – von Sarrazins Forderung nach einer Art obrigkeitlicher Steuerung des genetischen Makeup Deutschlands über Necla Keleks Aufruf zur vollständigen staatlichen Kontrolle der Moscheen bis zu Henryk Broders Appell zur Intoleranz als Gebot der Stunde zur Abwehr einer drohenden fremdkulturellen Übernahme Deutschlands.

Dazu also nun unsere Fragen an Sie:

Sie sprechen von mangelndem Selbstvertrauen, auch von Politikern, die sich aus „Angst vor der Angst“ mit dem Antiislamismus gemein machen. Herrn Schirrmacher zitierend, nennen Sie Sarrazin auch „Ghostwriter einer verängstigten Gesellschaft“. Wie meinen sie das?

Patrick Bahners: Die Welt des Religiösen ist dem normalen bürgerlichen Bewusstsein wieder viel ferner gerückt als in den Jahrzehnten der Nachkriegszeit. Deswegen ist es möglich, die Religion des Islams einzusetzen in diese Sündenbockposition, und für die Angst, dass die Grundlagen des Zusammenlebens immer brüchiger werden, die Verantwortung bei dieser fremden Religion zu suchen. So erscheint mir auch der übersteigerte republikanische Patriotismus, wie er von Frau Kelek gepredigt wird: Mein Vorwurf lautet, dass dieser selbst religiös-missionarische Züge annimmt. Die Gründe, dass so etwas populär ist, scheinen mir damit zu tun zu haben, dass die eigene Verfassungsordnung in ihrer Funktionsweise und Geschichte heute eben weniger präsent ist. Die Instrumentalisierungen, die da unternommen werden, sind bedenklich – beispielsweise dass gar nicht mehr gefragt wird, was ist der Sinn von Religionsunterricht, sondern alles ad hoc mit hoher Dringlichkeit umgesetzt wird, nach dem Motto: Wir müssen jetzt unbedingt islamischen Religionsunterricht machen, um gerade noch zu verhindern, dass die alle abdriften in das völlig Unaufgeklärte.

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3 Comments

  1. Wenn Bahners nicht Erzkatholisch (obgleich er sich als Donaldist präsentiert) wäre und die strenggläubigen Muslima nur „beneiden“ würde weil sie sich freiwillig verhüllen im Vergleich zu dekadenten „westlichen Tussies“ oder wie er es in seinem Buch schreibt….könnte man allein vom Bild her meinen er sei selbst eine Art Mufti von eigenen Gnaden.

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  2. Interessant, aber ich denke das Machtstrukturen noch immer vorhanden sind und es egal ist ob die herrschende Religion oder Ideologie eine Schöpfergott hat oder nicht. Es wäre auch eine idealistische und im Grunde daher eine religiöse Weltsicht anzunehmen, Religionen oder Ideologien würden den Gang der Geschichte allein oder Maßgeblich beeinflussen. Die Menschheit befindet sich vielmehr im Strom der evolution und der materiellen Bedingungen und Religion oder Ideologie ist nur ein Ausfluss und eine Kaschierung dieser realen Bedingungen und Verhältnisse.

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  3. Muslimische Fundamentalisten führen doch heutzutage nur das auf, was sie aus der Entwicklungsgeschichte der Christenheit gelernt, vorexerziert bekamen und eins zu eins abgekupfert haben. Anstelle von christlichem und islamischem Religionsunterricht sollte der Menschheit ein undogmatischer Humanismus vermittelt werden, der sich nicht an verlogener Mystik und spirituellen Fantasien orientiert. Dass Religion – egal welche – friedensstiftend sei, wurde doch durch die Geschichte der Menschheit längst widerlegt. Das Gegenteil ist richtig: Kriege waren schon zu allen Zeiten – direkt oder indirekt – religiös motiviert.

    Der Grund, weshalb trotz blutiger Erfahrungen an der Religion festgehalten wird, ist leicht nachzuvollziehen. Es müßten über Jahrhunderte aufgebaute und entwickelte Machtstrukturen aufgegeben werden. Bisher standhaft verkündete Lügen würden schonungslos entlarvt. Das aber wird sich keine der vom verlogenen Religionssystem profitierenden Organisationen wünschen. Somit ist eine aufgeklärte Welt der größte Feind von irrationalen Religionsfantasien.

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