Offensive Rückzugsgefechte


Quelle: derStandard.at

Am Ende der vergangenen Woche sprachen Amardeo Sarma, Mitbegründer der SPD-Laizisten, und Frieder Otto Wolf, Präsident des Humanistischen Verbandes Deutschlands und KORSO-Vorsitzender, im Interview über Perspektiven für die Zeit nach dem Papstbesuch. Frieder Wolf sieht auch in der Papstreise zunächst ein Rückzugsgefecht der Kirche.
Amardeo Sarma meint, dass wohl nicht alle Kirchenprivilegien auf einmal abgeschafft werden können. Einigkeit gab es in der Frage nach der Ablösung der historischen Staatsleistungen.

Humanistischer Pressedienst

hpd: Was bedeutete der Papstbesuch für Deutschland?

Amardeo Sarma: Aus laizistischer Sicht verstieß der Auftritt im Bundestag ganz offen und eklatant gegen die Trennung von Staat und Religion, die ja lange Zeit eine der zentralen Forderungen der SPD gewesen war. Ich denke, es hat eine so starke Mobilisierung deshalb gegeben, weil wieder offensichtlich wurde, wie stark die beiden Bereiche doch miteinander verquickt sind und wie stark dieser Einfluss bis in die Spitzengremien aller Parteien hinwirkt, vor allem auch in der SPD. Dieser Papstbesuch war eine Gelegenheit, das klarzumachen. Auch gegenüber den vielen Bürgern, die den Papstbesuch kritisch sehen – unabhängig davon, ob sie Christen, Laizisten oder Religionskritiker sind. Es drohen Einmischungen von religiöser Seite und ich denke, darauf müssen wir Laizisten aufbauen und die Trennung von Staat und Religion stärker voranbringen. Ein Ziel ist natürlich auch, dass die Menschen in Zukunft autonomer entscheiden und agieren können. Es ist eine der zentralen Forderungen der Aufklärung und Emanzipation, dass man auch als Mensch in eine Lage versetzt wird, selbst Entscheidungen zu treffen und sie nicht von außen diktiert zu bekommen.

Frieder Otto Wolf: Ich denke, es besteht da eine gewisse Hoffnung. Vielleicht erinnert sich noch jemand an den Versuch der Kirchen hier in Berlin, mit der Pro-Reli-Kampagne ihre Positionen, gestützt auf staatliche Gesetze, zu stärken. Das hat ja dann eigentlich das Gegenteil bewirkt. Beim Papstbesuch nun bekamen wir wirklich massiv vorgeführt, in welchem Maße heute nicht nur die katholische Kirche, sondern überhaupt die Kirchen in diesem Staat privilegiert sind. Nicht nur in einer anachronistischen, sondern auch inhaltlich abstoßenden Form. Aber es macht deutlich, dass das Anliegen der Trennung von Staat und Kirche immer noch drängt. Volker Beck hat gut formuliert, dass es völlig inakzeptabel ist, wenn, gestützt auf staatliche Gesetze, in Glaubensfragen Zwang ausgeübt wird. Der triumphale Papstbesuch, der hier inszeniert wurde, wird bestenfalls ein Pyrrhussieg, wenn nicht gleich eine Niederlage.

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2 Comments

  1. Solange eine blökende religiöse Schafherde wählen geht, solange wird es subkuttane Politreligioten geben. Durch ihr scheinheiliges Gebaren machen sie sich für diese Schafe wählbar. Erst wenn die Konfessionslosen die Überzahl darstellen, wird sich daran etwas ändern. Dann wird man überrascht sein, mit welchen scheinheiligen Argumenten unsere Religioten den Fähnchenschwenk begründen. Im Märchen erzählen sind sie alle die Größten.

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  2. Solange es keine geeinte politische Kraft bestehend aus Konfessionslosen, Religionskritikern und Atheisten gibt, wird sich der Laizismus in Deutschland nicht verwirklichen lassen. Die Macht der Polit-Religioten ist in der Politik immer noch zu sehr präsent. Die Forderung, dass Religion in der Politik nichts zu suchen habe, wird leider (aktuelle Vorkommnisse belegen dies) permanent unterlaufen. Folgerichtig kann die in Parlamenten bisher kaum in Erscheinung getretene Fraktion der Laizisten nicht länger auf eigenständige politische Aktivitäten verzichten. Oder ist hier irgendjemand der Ansicht, dass es auch andere Wege zur Durchsetzung laizistischer Anliegen geben könnte ?

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