Agnostizismus, viel größere Provokation als Atheismus


Von einer „Rückkehr der Religionen“ war in letzter Zeit viel die Rede. Zwar ist soziologisch nicht immer ganz klar, was dabei mit Religion gemeint ist, über eine bloße Sinnsuche hinaus. Gleichwohl fühlen sich durch die Diskussion um Glaube und Werte auch die Atheisten herausgefordert – die Gottlosigkeit des 19. Jahrhunderts feiert eine „fröhliche Auferstehung“, wie der Theologe Magnus Striet in Ludwigshafen vor den Vertretern der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK) erläuterte. Striet forderte die Christen zugleich auf, selbstkritisch mit dem Thema umzugehen.

Von Bernd Buchner Evangelisch.de

Bücher von Richard Dawkins und Christopher Hitchens, Busse in deutschen Großstädten mit der Aufschrift „Es gibt keinen Gott“, zunehmende Proteste gegen den Papst und andere Religionsführer: Der neue Atheismus artikuliert sich in jüngster Zeit deutlich schärfer und lauter. Biologen wie Dawkins bestreiten dabei die Willensfreiheit des Menschen und reduzieren ihn auf die Macht seiner Gene – dagegen müsse die Theologie die von Gott gegebene Freiheit des Menschen betonen, verlangt Magnus Striet. Sonst nämlich geriete das im Kontext des ethischen Monotheismus behauptete Menschenbild in Gefahr.

Allerdings, das macht der in Freiburg lehrende katholische Theologe Striet ebenfalls deutlich, seien die atheistischen Argumentationen nicht ohne Weiteres von der Hand zu weisen. Schließlich hätten die Christen das Wissen um die evolutive Herkunft des Menschen bis heute nicht wirklich in den Glauben an den Schöpfergott integriert. „Und natürlich gibt es Moralität ohne Gott“, so Striet. Dostojewski liege falsch mit seinem berühmten Satz: „Wenn Gott tot ist, ist alles erlaubt.“ Am Leben und der moralischen Prägung eines Menschen würde sich zunächst überhaupt nichts ändern, würde er von heute auf morgen den Glauben verlieren. „Und wenn man nur deshalb nicht tötet, weil Gott es verbietet, bin ich immer noch nichtswürdig.“

Feuerbach hat Recht und denkt doch zu kurz
Striet widerspricht auf der anderen Seite deutlich dem atheistischen Vorwurf, die Religionen hätten von vornherein die Tendenz zur Gewalt. Man könne deren Wahrheitsanspruch nicht einfach mit der Gewaltfrage in Verbindung bringen. Und mit Blick auf den berühmtesten Religionskritiker des 19. Jahrhunderts hält der Theologe fest: „Ludwig Feuerbach hat a) Recht und denkt b) zu kurz.“ Er habe Recht, weil die Vorstellung, der Mensch projiziere seinen Möglichkeitshorizont nach außen, nämlich auf Gott, nicht von der Hand zu weisen sei. Andererseits denke er zu kurz, da durch die Projektion allein ja nicht bewiesen sei, dass es Gott nicht gebe.

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2 Comments

  1. Der Vorhalt des Theologen Magnus Striet, dass der Religionskritiker Feuerbach zwar richtig denke, aber zu kurz, kann im Umkehrschluß sehr wohl auch auf Striet angewendet werden. Wenn Striet feststellt, dass Feuerbach deshalb zu kurz denke, weil „durch die Projektion allein ja nicht bewiesen werde, dass es Gott nicht gebe,“ muß ihm gesagt werden, dass er erst mal den Beweis antreten müßte, dass es diesen Gott überhaupt gibt. Es ist typisch für Gottesanbeter, dass sie auch nicht im entferntesten die Annahme in Betracht ziehen, dass ihr Gott lediglich eine von Menschen erdachte Fiktion sein könnte. Dass es keine Fiktion ist, müßte schließlich erst mal nachgewiesen werden.

    Da ein solcher Beweis nicht erbracht werden kann, bricht die gesamte Beweisführung dieses Berufs-Religioten zusammen. Die rechthaberische Arroganz der Religioten – verbunden mit deren nicht zu erschütternden Glaubensmanie – kann nur damit erklärt werden, dass diese Leute Wahnvorstellungen als Tatsachen missdeuten. Das weist zweifellos auf einen Zustand hin, den man als irreparablen, chronisch gewordenen, pathalogischen Realitätsverlust bewerten muß.

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