Was wären wir ohne Jüngstes Gericht?


Ich zweifle, also bin ich

Gerade der Protestantismus weiß von der Verheißung, die in der christlichen Buße liegt. Daraus könnte sich für die evangelische Kirche eine missionarische Chance ergeben

Von Matthias KamannWELT ONLINE

Der Gottesdienst hat noch nicht begonnen. Man steht in der Bankreihe und faltet die Hände. Was tut man da? Beten? Vielleicht. Dem eigenen Erleben nach aber vollziehen sich da Selbstzweifel. Seltsam automatisch kommen Fragen auf, ob das Tun und Lassen in der Familie, im Beruf nicht falsch ist, unverantwortlich. Es regt sich der Drang zur Infragestellung der eigenen Person. Dann hinsetzen, im Gesangbuch blättern, der Orgel zuhören. Aber zuvor zwei Minuten Selbstzweifel.

Mag sein, dass dies eine subjektive Spezialität ist. Doch wer sich an anderen Tagen, unter der Woche, in großen Kirchen umschaut, die viel besichtigt werden, der spürt bei den Besuchern neben kunstgeschichtlichem Interesse ebenfalls jene Verzagensbereitschaft. Viele verharren vor den Gestellen mit den Kerzen, die sie um ihrer Lieben oder ihrer eigenen Sorgen willen angezündet haben. Manche schreiben etwas auf Gebetszettel. Auf göttliches Wunderwirken werden da nicht viele hoffen, aber den meisten scheint es wichtig zu sein, einen ernsten Blick auf ihr Leben und das zu richten, was daran wegen äußerer Umstände oder eigenen Versagens schlecht ist. Nicht erst den Trost suchen die Menschen da, sondern schon die Möglichkeit, sich einzugestehen, dass vieles nicht so ist, wie es sein soll.

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