Wikipedia und der Religionsfilter


So viele Sprache, so viele Sichtweisen: Braucht Wikipedia, aus dem Geist westlicher Aufklärung hervorgegangen, einen moralischen Filter? ©DPA

Bei der Online-Enzyklopädie Wikipedia wird darüber nachgedacht, einen Bildfilter einzubauen – um religiösen Geboten Rechnung zu tragen.

Von Jörg WittkewitzFrankfurter Allgemeine

Gibt es eine „gereinigte“ Bibel, die ohne Gewalt und blutrünstige Geschichten auskommt? Kaum vorstellbar. Ist doch vor allem das Alte Testament gespickt mit Geschichten, die zumindest Kinder erschrecken. Aber kein seriöser Pädagoge käme auf die Idee, für den Religionsunterricht eine „saubere“ Bibel zu fordern. Bei dem Online-Lexikon Wikipedia passiert aber genau das.

Die Wikimedia Foundation aus San Francisco, sozusagen die Mutter aller Wikipedia-Versionen, stellt die organisatorische und technische Infrastruktur bereit, damit Hunderttausende Nutzer gemeinsam die Millionen Artikel in 270 Sprachen erstellen können. Und ausgerechnet im Zentrum der digitalen Aufklärung will man nun einen Bilderfilter einführen. Jeder Nutzer kann dann sein Wikipedia personalisieren. Gedacht ist dies für Kulturen, in denen die Darstellung von nackten Körpern oder Gewaltszenen unerwünscht oder gar verboten ist. Die Gemeinschaft der Wikipedia-Autoren diskutiert diesen Filter vor allem in Deutschland sehr kontrovers und fühlt die Ideale der Aufklärung verraten. Einige Nutzer fassen sogar eine Abspaltung vom amerikanischen Mutterschiff ins Auge – eine Idee, der Dirk Franke, prominentester Wikipedianer in Deutschland, etwas Positives abgewinnen kann, da so das Wissensmonopol der Wikipedia eingeschränkt würde.

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