Gesundheitsreligion: Wir sterben nie!


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Gesundheit um der Gesundheit willen. Dümmer und banaler, dürftiger und erbärmlicher war noch keine Religion als unsere neue Gesundheitsreligion. Eine Attacke.

Von Walter WippersbergDie Presse

Zahllose Umfragen beweisen es: Esgibt nicht viele, die dem Satz „Die Gesundheit ist das höchste Gut des Menschen“ nicht uneingeschränkt zustimmen würden. Viele glauben, diese Anschauung sei ganz selbstverständlich, ganz „natürlich“, immer schon habe man so gedacht; und das ist falsch.

Über die Jahrhunderte und Jahrtausende hin hat man, wenn man über die rechte Art zu leben nachdachte, natürlich auch gesundheitliche Aspekte bedacht, doch fast immer nur unter dem Gesichtspunkt, Krankheit und damit Leid zu vermeiden. Gesundheit um der Gesundheit willen war nie ein Ziel. Ihre Verabsolutierung ist ein Phänomen unserer Zeit. Für Epikur war Lust (die Freude am Leben) das höchste Gut des Menschen (und Schmerz das größte Übel). Aristoteles vertratdie Meinung, alle Menschen strebten nach Glückseligkeit als dem höchsten Ziel. Seneca hat formuliert, das höchste Gut sei die Harmonie der Seele mit sich selbst. Für Thomas von Aquin, um auch einen christlichen Denker zu nennen, konnte das höchste Gut nur die ewige Glückseligkeit sein, die sich drüben, im anderen Leben, durch die unmittelbare Anschauung Gottes einstellen werde.