Rezension: Evolution – ein interdisziplinäres Handbuch


Quelle: Metzlerverlag

Die Herausgeber Philip Sarasin (Professor für Neuere allgemeine Geschichte an der Universität Zürich) und Marianne Sommer (Professorin für Wissenschaftsforschung der ETH Zürich) wollen den „heutigen Wissensstand und die Positionen bzw. Thesen der aktuellen Debatte festhalten und dokumentieren“ (Vorwort).

Von Hansjörg HemmingerAG EvoBio

Die Anordnung der Artikel erfolgt thematisch, innerhalb der vier Unterteile aber auch einmal alphabetisch. Im ersten Teil werden „Konzepte, Begriffe und Begriffsgeschichte“ behandelt, und zwar vom Stichwort „Abstammung“ bis zum Stichwort „Zufall“. Dann folgen in einem zweiten Teil und dritten Teil, die beide nicht alphabetisch untergliedert sind, „Theorien und Debatten in der Biologiegeschichte“, sowie „Institutionen und Repräsentationen, Praktiken und Objekte“. Schließlich folgt der vierte und mit Abstand längste Teil „Einflüsse, Verbindungen, Auswirkungen“. Er enthält zwei Unterteile: „Evolutionstheorie in der Wissenschaft“ und „Evolutionstheorie in der Gesellschaft“, wobei ersterer alphabetisch gegliedert ist, letzterer nicht. Ein Personenregister macht das Auffinden von Namen einfach. Ein Sachregister fehlt, ein Nachteil bei der Nutzung des Buchs. In dem Werk kommen 40 Autorinnen und Autoren zu Wort, die sowohl die biologische Evolutionstheorie behandeln, als auch Wissenschaftsgeschichte, Wissenschaftsbetrieb, die Rolle der Evolutionsidee in verschiedenen Disziplinen und ihre gesellschaftliche Wirkungsgeschichte. Der Schwerpunkt liegt nicht auf der Biologie. Von daher mag es unfair sein, das Werk als Fachbiologe zu rezensieren. Andererseits dürfte es keine Rezensenten geben, die sich auf allen Themenfelder auskennt. Deshalb ist die Rezension Ergebnis eines „Testlesens“ auf den Feldern, auf denen der Rezensent zuhause ist.Gleich auf Seite 6 stolpert man (Stichwort Anpassung) über eine missverständliche Erläuterung des Begriffs „Fitness“. Die „Fitness eines biologischen Merkmals“ sei quantifiziert „als die durchschnittliche Anzahl der Nachkommen eines Individuums mit diesem Merkmal.“ Die Nachkommen eines Individuums sind jedoch für die „Fitness“ nur eine ungefähre Messgröße. Immerhin gelingt es dem Autor des Beitrags, die theoretischen Tücken des Begriffs „Anpassung“ vor Augen zu führen. Ähnlich unpräzise  wie die „Fitness“ werden die Stichworte Altruismus und Egoismus behandelt. Das Thema wird allerdings auf S. 119 ff. und an anderen Orten noch einmal aufgenommen. Die gegenwärtig virulente Diskussion um die Gruppenselektion kommt dagegen weder hier noch dort vor. Der Übersichtsartikel „Jenseits des Neodarwinismus? Neuere Entwicklungen in der Evolutionsbiologie“ (S. 115 ff.) behandelt eine Reihe wichtiger Stichworte, wird aber Biologen wieder nicht hilfreich sein können. Zum Beispiel beschäftigt sich die Soziobiologie nicht mit „tierischem und menschlichem Verhalten“ im Allgemeinen, sondern mit der Evolution des Sozialverhaltens (S. 119).  Das dynamische Feld der evolutionären Entwicklungsbiologie (Evo-Devo) wird mit den wichtigsten Autoren vorgestellt. Aber das theoretische Konzept wird dabei nicht klar: Die individuelle Entwicklung von komplexen Organismen wird genetisch gesteuert, und relativ geringfügige Veränderungen der steuernden Gene (Mutationen etc.) können erhebliche Veränderungen des Phänotyps erzeugen. Darum geht es bei Evo-Devo. Die biologische Evolutionstheorie wird, alles in allem, nicht befriedigend abgehandelt.

Wie steht es mit den umfangreichen historischen, interdisziplinären und gesellschaftsrelevanten Informationen? Dazu müssten sich die entsprechenden Fachwissenschaftler äußern. Immerhin erweist sich der Artikel zum Thema „Kreationismus“ (S. 350 ff.) als viel fundierter, verglichen mit den erwähnten biologischen Beiträgen. Er ist als Erstinformation empfehlenswert, so dass man hoffen kann, dass dies für die vielen anderen historischen Beiträge ebenso gilt. Ebenso überzeugen andere Beiträge den (relativen) Laien: Die Darstellung der Paläoanthropologie (S.203-210), der sprachwissenschaftliche Text 327-340 und viele andere. Von daher ist das Werk als eine wichtige Hilfe für Studium und Lehre einzuschätzen, das eine große Zahl von Ausgangspunkten für weitere Lektüre und Forschung bietet.

1 Comment

  1. Nun ja, das Buch ist 2010 erschienen, Hemminger hatte hinreichend Zeit, es zu lesen. Seine kritischen Anmerkungen kann ich im Detail nicht nachvollziehen, vermutlich, weil sich mein Kompetenzbereich mit dem seinigen nicht überall überschneidet..

    Allerdings wundert mich, dass er die massiven inhaltlichen Mängel in Brigandts Artikel über Kreationismus und Intelligent Design nicht ankreidet. Vermutlich reicht es Hemminger, dass Brigandt nicht darauf hinweist, dass man auch den Typ theistische Evolution, die Hemminger vertritt, in die Tonne kloppen kann, wenn man konsistent bleiben möchte.

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