Politik der Apokalypse


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Der Titel und Untertitel des vorliegenden Bandes ist etwas irreführend, da es hier nicht um eine Abhandlung ausschließlich der Religionen geht, sondern der Gefahren von Weltanschauungen insgesamt, die eine positive Utopie anstreben:

Von Klaus Ludwig HelfSaarländische Online-Zeitung

„Utopien sind Wunschträume kollektiver Erlösung und Alpträume des Erwachens.“ Dabei unterscheidet Gray nicht zwischen religiösen oder politisch-weltanschaulichen revolutionären oder radikalen Utopien, die alle- so versucht er in historischen und diachronen Exkursen nachzuweisen- in menschenverachtendenTerrorsystemen aufgegangen seien; die Zivilisation und der Humanismus seien in solchen Regimes untergegangen. Die gelte nicht nur für das Mittelalter oder für das 20. Jahrhundert, sondern auch und gerade in unserem Jahrhundert: „Die Moderne ist nicht weniger abergläubisch als das Mittelalter- und in mancher Hinsicht sogar abergläubischer Das Gewaltpotential des Glaubens wird, im Zusammenspiel mit den Auseinandersetzungen um Rohstoffe, unser Jahrhundert aller Voraussicht nach entscheidend prägen.“ Keine positive prognostische Perspektive, die der Autor am Ende seines Buches wagt. Was sind die Gründe für das Terrorpotential? Der Autor versucht, diesem Phänomen von der Antike bis zur Jetzt-Zeit nachzugehen.

Das entscheidende Bestimmungsmerkmal von Utopien sei das Streben nach einem Zustand der Harmonie und Vollkommenheit, der Wunsch nach einem perfekten, idealen Menschen, aber Konflikte seien nun mal universeller Bestandteil des menschlichen Lebens: „Eine konfliktfreie Existenz kann es für uns Menschen nicht geben, Versuche, sie dennoch zu erreichen, haben unerträgliche Zustände zur Folge. Falls solche Träume tatsächlich Realität würden, käme dabei etwas heraus, das noch schlimmer ist als jede bislang gescheiterte Utopie.“ Gray bezieht sich in seiner Analyse leider nur auf einen Aspekt utopischen Denkens und blendet den ursprünglichen und authentischen Charakter von Utopien und Dystopien als kritischen Spiegel gegenwärtiger gesellschaftlicher Verhältnisse und als Anregung und Inspiration für die Schaffung besserer Zustände völlig aus; nur hier und da sieht er positive Aspekte von realistischen Utopien und meint damit wohl unausgesprochen Blochs Konzept der „konkreten Utopie“ als Movens für gesellschaftlichen Fortschritt.

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2 Comments

  1. Uns Humanisten kann es zumindest auf den ersten Blick nicht gefallen, wenn Gray den Optimismus der Aufklärer, mittels der Vernunft eine Art Paradies auf Erden zu erreichen, in seine Kritik mit einbezieht. Die spannende Frage heißt jedenfalls: kann Vernunft zu Ideologie verkommen oder schließen sich beide aus? Können wir in diesem Forum darüber diskutieren?

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