Die Evolution der Fledertiere aus Sicht von „Wort und Wissen“


Bild: ag-evolutionsbiologie.de

Was wissen wir über die Entstehung der Fledermausflügel?

Autoren: Hansjörg Hemminger, Martin Neukamm, Andreas BeyerAG Evolutionsbiologie

Die Fledertiere treten im Eozän fast ohne fossile Übergangsformen auf – für Kreationisten ein Argument gegen Evolution. Auch Reinhard Junker, Geschäftsführer von „Wort und Wissen“, macht seine Evolutionskritik an der Fluganpassung dieser Säugerordnung fest. Er stellt es so dar, als hätten alle Anpassungen an das Fliegen gleichzeitig stattfinden müssen, als sei der Bauplan der Fledertiere im Sinne eines „intelligenten Designs“ nicht reduzierbar komplex. Weiterhin behauptet er, die Taxonomie der Fledermäuse mache die evolutionäre Entstehung ihrer Echoortung unwahrscheinlich. Seine Kritik enthält jedoch gravierende Fehler, und er verschweigt wichtige Informationen. Erstens ist die Evolution des Echoortungssystems nicht so unplausibel wie er es darstellt. Zweitens ist es gelungen, die entwicklungsgenetischen Mechanismen weitgehend aufzuklären, die aus den Vordergliedmaßen eines Säugetiers Flügel entstehen lassen: Sowohl die Bildung von Flughäuten als auch die funktionale Verlängerung der Fingerknochen kann durch relativ einfache Veränderungen der Genregulation hervorgerufen werden. Beteiligte Untermerkmale wie Muskeln, Nerven, Blutgefäße usw. können automatisch mitwachsen und sich reorganisieren. Weitreichende morphologische Veränderungen, die einen Gleitflug ermöglichen, könnten sich also vergleichsweise einfach und rasch vollzogen haben, was auch das Fehlen fossiler Übergangsformen erklären würde. Weitergehende Spezialisierungen (z.B. Erwerb der Echoortung, der leichten Knochen usw.) sind als das Ergebnis schrittweiser Optimierung der Funktion bestehender Strukturen interpretierbar.

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Aus dem Inhalt

– The same procedure als last year? – The same procedure as every year

– Fossilien und Baupläne

– Was braucht es zum Fliegen?

– Die Entwicklungssteuerung der Fledermausflügel: Erklärt sie die Evolution?

– Das Echoortungssystem der Fledermäuse – und blinder Menschen

– Stammbäume: Konvergenz oder Rückbildung der Echoortung?

– Scheinprobleme: Homologien und Konvergenzen

– Zusammenfassung: Welcher Methoden bedient sich Reinhard Junker…?

– Literatur

– Anhang 1: Von der Pfote zum Flügel. Entstand zuerst die Gleitflughaut?

– Anhang 2: Flipper lässt grüßen

Zusammenfassung: Welcher Methoden bedient sich Reinhard Junker, um evolutionsbiologische Erkenntnisse verzerrt darzustellen?

Um es wieder einmal zu sagen: „Wort und Wissen“ kann nicht liefern, was die Studiengemeinschaft zu liefern vorgibt: naturwissenschaftliche Gründe, um die Evolutionstheorie in Zweifel zu ziehen. Die Biologie wird vermutlich nie imstande sein, die Stammesgeschichte der Fledertiere (oder anderer Lebewesen) vollständig aufzuklären. Sie ist aber sehr wohl dazu imstande zu erklären, welche Prozesse diese Geschichte ausmachen und welche nicht. Junker präsentiert den wissenschaftlichen Sachverhalt unvollständig und manipulativ, um die Erklärungskraft und Reichweite der modernen Evolutionsbiologie zu verschleiern. Um nur die eindeutigen Manipulationen in seinem Text noch einmal zu benennen:

– Er verschweigt vollständig den passiven Gleitflug als möglichen Übergang zum aktiven Schlagflug.

– Er verschweigt in diesem Zusammenhang, wie häufig Gleitfliegen bei Wirbeltieren ist.

– Er behauptet in diesem Zusammenhang weiterhin, dass das Fliegen eine Reihe spezieller Anpassungen erfordere und übergeht dabei, dass viele der von ihm genannten Merkmale für das Fliegen keineswegs unverzichtbar sind, sondern nachträgliche („mikroevolutive“) Optimierungen der Flugfähigkeit darstellen.

– Er lässt in seinen Betrachtungen außer acht, dass bei den Vorfahren der Fledermäuse fast alle an der Echoortung beteiligten Strukturen (wie Stimmbildung, Ohren, Gehirn, Bewegungskoordination) schon vorhanden waren, woraus folgt, dass sich die notwendige („makro-„) evolutive Veränderung hauptsächlich auf die Optimierung der Funktion dieser Strukturen beschränkte.

– Er leugnet den Zusammenhang zwischen ontogenetischen und phylogenetischen Mechanismen und erweckt so den Eindruck, als könnten die Mechanismen der Entwicklungssteuerung der Fledermausflügel nicht zur Erklärung des evolutionären Sachverhalts herangezogen werden.

– Er suggeriert, die Unvollständigkeit einer Erklärung sei gleichbedeutend mit dem Fehlen einer Erklärung. Z.B. soll die Tatsache, dass der BMP-Signalweg die Entstehung wesentlicher – aber nicht aller – Merkmale des modernen Fledermausbauplans erklären kann, evolutionäre Erklärungen, die sich auf diesen Signalweg berufen, generell entwerten.

– Er erweckt den Eindruck, eine zwei- oder mehrfache konvergente Entstehung der spezialisierten Echoortung bei Fledertieren sei unwahrscheinlich, was aber weder vom Sachverhalt noch von der Literatur, die er zitiert, gedeckt wird.

– Er verschweigt, wie häufig einfache Formen der Echoortung sind und vor allem, dass viele Säugetiere offenbar „von Haus aus“ zu einer einfachen Echoortung befähigt sind, die nur optimiert zu werden braucht.

– Er berichtet über die Ähnlichkeit des Motorproteins Prestin bei Zahnwalen und Fledermäusen so, als ob es sich um eine unerklärte Anomalie handelt (Anhang 2), und verschweigt auch in diesem Zusammenhang das Echoortungssystem der Zahnwale.

– Er behauptet wider besseres Wissen und mit einer offensichtlich falschen Begründung, dass der Verlust der Echoortung in der Evolution der Flughunde schwer erklärbar sei.

Es ist bedauerlich, dass solche Texte geschrieben und publiziert werden, und dass sich Leserinnen und Leser davon in die Irre führen lassen.

Quelle

http://ag-evolutionsbiologie.de/app/download/5785009784/Evolution-der-Fledermaus.pdf

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