Europa-Universität Viadrina: Dodo des Monats Mai 2012


Dodo des Monat Mai 2012

Die Viadrina ist die östlichste Universität Deutschlands, lesen wir bei Wikipedia. Nimmt man die Schlagzeilen der letzten Wochen, zu den etwas älteren kommen wir noch, möchte man meinen, die Uni in Frankfurt liegt in Tibet. Später mehr dazu.

2008 wurde die Universität aus der Trägerschaft des Landes Brandenburg entlassen und in eine Stiftung öffentlichen Rechts umgewandelt. Die Gründe hierfür dürften zunächst pekuniärer Art gewesen sein. Einloben privater finanzieller Mittel, steuerliche Vorteile, durch die Absetzbarkeit von Zustiftungen usw.

Und genau hier fängt der Fisch an zu stinken. Der Kopf der Uni sudelt sich schon im Kräutersud traditioneller chinesischer Medizin, ayurvedische Pillen, mit durchaus passablen Konzentrationen von Quecksilber, Blei und Arsen schiebt sich das Rektorat ins Rektum. Schwermetalle sollen ja bekanntlich die therapeutische Wirkung der ayurvedischen Pillen erhöhen. So wundert es nicht, dass Rektor Gunter Pleuger schon mal in der Presse greint: „Wir würden gerne zur führenden Hochschule auf dem Ayurveda-Gebiet und darüber hinaus werden.“ Herr Pleuger, es gibt da ein paar ganz exzellente ayurvedische Haarwuchsöle, die Haarausfall nicht nur an den Symptomen sondern auch an der Wurzel, sprich Ursachen behandeln. Glauben Sie einfach daran, Ihre Nicht-Haare werden es Ihnen danken.

Zum Thema, ein orthopädischer Esoteriker aus Berlin bastelt sich 2 Aluröhren die sich dann Kozyrev-Spiegel nennen.„Ein Kozyrev-Spiegel ist eine Aluminium-Konstruktion, welche in ihrem Inneren nach Aussage der Nowosibirsker Wissenschaftler Prof. Kaznacheev und Prof. Trofimov einen Raum-Zeit-Kanal öffnen kann. „ Wahrscheinlicher ist, dass die beiden Russen nach dem Genuss von zuviel Wodka, Väterchen Stalin oder gar Lenin auf dem Grund ihrer Flaschen gesehen oder im Delirium extremens parapsychologische Erfahrungen gemacht haben.

In diesen Alu-Röhren sollen ganz enorme Erfahrungen gemacht werden können, Hellsehen, Kontaktaufnahme mit Toten, Außerirdische und und… Die Zeitwellen im Spiegel sollen folgendes bewirken:

„Die häufigsten Erfahrungen im Inneren des Kosyrev-Spiegels […] beschreiben 47 Probanden aus 228 zehnminütigen Aufenthalten:

  • – Das Gefühl, zu fliegen 88,2 %
  • – Austritt in das Weltall 85,1 %
  • – Empfangen symbolischer Informationen 82,0 %
  • – Beobachtung außerirdischer Wesen 80,3 %
  • – Rotationsgefühl des Körpers 78,1 %
  • – Beobachtung von Ufos 75,4 %
  • – Wahrnehmung außerirdischer Konstruktionen 70,2 %
  • – Wahrnehmung eines äußeren Beobachters 68,0 %
  • – Telepathische Kontakte 55,7 %
  • – Wahrnehmung vergangener Lebensepisoden 40,4 %
  • – Furcht 34,2 %
  • – Beobachtung historischer Ereignisse mit ethnografischen Details 30,3 %
  • – Persönlichkeitsveränderungen 30,3 %“

Klar ist, das ganze Zeug funktioniert nicht, Stuss, obskur und krude. Der Esoteriker kommt in seiner Master-Arbeit zu ähnlichen Schlußfolgerungen, behauptet aber dann:„Die Wirksamkeit der Spiegel halte ich für erwiesen […]“

So eine Master-Arbeit wird dann im Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften (IntraG), der Viadrina, begleitet. Mentor war der Leiter des Instituts Harald Wallach. Herr Wallach ist Inhaber einer privaten Stiftungsprofessur, die  von der Biologische Heilmittel Heel GmbH finanziert wird. Damit schließt sich der Kreis. Die Biologische Heilmittel Heel GmbH ist einer der weltweit größten Hersteller von Homöopathika.

Alle weiteren Fragen erübrigen sich fast damit. Ich bekomme schon leichten Reizhusten wenn ich solche Begriffe wie transkulturelle Gesundheitswissenschaften lese. An diesem Institut der Uni wird fast alles „gelehrt“ was Parawissenschaften und Esoterik bis hin zur Homöopathie zu bieten haben. Schaurig ist, dass sich dafür eine Universität missbrauchen lässt, oder aber mit anderen Worten gesagt, für Geld geht die Viadrina mit jedem ins Bett. Wissenschaftliche Standards sind da nur hinderlich.

Wissenschaftlichkeit kommt ohne Metaphysik nicht aus.

Gerhard Vollmer:

Die Meinungen über die Metaphysik gehen weit auseinander. Die traditionelle Philosophie war eher metaphysikfreundlich. Den “sicheren Gang einer Wissenschaft” vermochten jedoch auch Immanuel Kant, Heinrich Scholz oder Mario Bunge ihr nicht zu verschaffen. Positivismus, Instrumentalismus, Pragmatismus, logischer Empirismus und Wiener Kreis waren dagegen ausgesprochen metaphysikfeindlich. Es hat sich aber gezeigt, dass wir ohne metaphysische Annahmen nicht auskommen, auch nicht in der Wissenschaft. Der kritische Rationalismus lehnt Metaphysik deshalb nicht völlig ab, hält sie auch nicht für minderwertig, sucht sie aber von der Erfahrungswissenschaft abzugrenzen, etwa über Poppers Falsifizierbarkeitsforderung: “Eine empirisch-wissenschaftliche Theorie muss an der Erfahrung scheitern können.” Abgrenzen bedeutet jedenfalls nicht Abschaffen, wie man Popper gelegentlich unterstellt. Wie viel Metaphysik sollen wir dann zulassen? Die naturalistische Antwort ist eindeutig: nur soviel Metaphysik wie nötig – nötig für die Forschung, für den Erkenntnisfortschritt, fürs Leben. Der Naturalist sucht also eine Art Minimalmetaphysik. Dazu gehört die Annahme einer bewusstseinsunabhängigen, strukturierten, zusammenhängenden Welt und deren partielle Erkennbarkeit durch Wahrnehmung, Erfahrung und eine intersubjektive Wissenschaft. Diese Auffassung heißt auch “hypothetischer Realismus”. Sind solche metaphysischen Voraussetzungen auch nicht empirisch prüfbar (weil man alles Erleben als eine Art Traum deuten kann), so sind sie doch kritisierbar, etwa im Hinblick auf Widerspruchsfreiheit, Erklärungswert, Selbstanwendbarkeit, Willkürfreiheit, Denkökonomie, Fruchtbarkeit.

Es ist nicht das Problem, dass solche „Master-Arbeiten“ geschrieben werden, das Problem ist, dass für Kapital Universitäten ihre wissenschaftlichen Standards verraten und obskuren Parawissenschaften Tür und Tor öffnen.

Herzlichen Glückwunsch zum Dodo. Die Hoffnung, dass Plausibilltät, Wissenschaftlichkeit und ernsthafte Forschung wieder an der Viadrina einziehen habe ich nicht. Ich sehe eher die Möglichkeit, dass sich der Lehrkörper mit Radio Marija aus Polen verbündet und noch etwas dümmlichere und vor allem fundamentalistischere „Forschung“ betreibt.

5 Comments

  1. heroinefor1day
    heroinefor1day.wordpress.com
    leider kann ich zum Artikel des Dodos für die Viadrina in FFO (https://brightsblog.wordpress.com/2012/06/08/europa-universitat-viadrina-dodo-des-monats-mai-2012/) keinen Kommentar verfassen, darum setze ich ihn ma hier hin. ich studiere an dieser Uni seit etwa einem Jahr und dachte, euch interessiert eine weitere Kuriosität dieser Uni im Bereich der Gender Studies. Allerdings ist er nur ein wissenschaftlicher Mitarbeit, der auch bald aufgrund von auslaufendem Vertrag die Uni verlassen wird. Ich weiß nicht, ob tatsächliche Professoren (*innen!) in diesem ‘Fach’Bereich seine Ansichten teilen, aber vielleicht interessieren euch meine Erfahrungen in einem der Kurse dort an der Uni.
    Viel Spaß! und sorry für die Werbung, aber wo wie grad beim Thema sind…
    http://heroinefor1day.wordpress.com/2013/07/10/f-you-i-wont-do-what-you-tell-me/

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  2. Das studiert man dann in Deutschland mit Unicum-Diplom

    http://www.sueddeutsche.de/reise/mitten-in-absurdistan-methusalem-mein-taxifahrer-1.1298953
    Auf einer Strohmatte sitzt die Naturheilerin Rita in traditioneller Kluft mit wildem Haarschmuck. Sie behauptet, es sei ihr gelungen, HIV zu besiegen. Um sie herum drängen sich auf zwei klapprigen Holzbänken Journalisten aus aller Welt, die einer solchen Heilkraft tendenziell misstrauen. Besonders Hiro aus Japan, der Ritas Behauptungen in einem gelben Notizblock festhält. Ob die Heilerin von ihren Kunden Geld verlange, will er wissen.

    Ja, sagt Rita. Den Betrag bestimme aber der Geist, der ihr zur Sitzung mit den Klienten erscheine, nicht sie selbst: fünf US-Dollar für die Beratung, zehn für die Behandlung. Allgemeine Sprachlosigkeit. Die Runde lächelt gequält. Nur Hiro, der japanische Journalist, lässt nicht locker: „Kriegt dann der Geist die fünf Dollar, oder wandern die in Ihre Tasche?“

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  3. Klar, das der Dodo zu Recht an diese Uni verliehen wurde. Aber, nenne mir jemand einen der Dodo-Nominierten, der diesen Preis nicht auch verdient hätte !? Die Welt ist nun mal voll gespickt mit Religiotie !

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