Richter über die Gebärmutter der Nachbarin


1000 Kreuze in Berlin 2008/Quelle: Brights Berlin

Die deutsche Schriftstellerin Sibylle Berg, geboren 1962 in Weimar, schreibt seit 2011 die Kolumne “S.P.O.N – Fragen Sie Frau Sybille” für die Nachrichten-Website Spiegel Online. Unter der Überschrift “Gebärt doch, ihr Bratzen!” stellt sie am vergangenen Wochenende in ihrer “Kolumne” die Frage, warum sich Menschen eigentlich als “Richter über die Gebärmutter ihrer Nachbarin” aufspielen. Die eine Frau bringe ein Kind zur Welt, die andere treibe ab. Es gebe “kein Recht auf Lebensherstellung”, schreibt Berg.

Von Thomas SchneiderAG Welt

Mit bewusst gesetzter Ironie attackiert die 50-jährige Menschen, die an einem “Marsch für das Leben” teilnehmen. Berg zitiert wörtlich von der Internetseite der Aktion vom Bundesverband Lebensrecht (BVL):

“Mit dem Marsch für das Leben gedenken wir der Kinder, die Tag für Tag in Deutschland noch vor ihrer Geburt getötet werden. Niemand kann sagen: ‘Wir haben von nichts gewusst.’ Wir fordern Politik und Gesellschaft auf, das schreiende Unrecht der Abtreibung zu beenden, Tötung durch Selektion zu verhindern und das erneute Aufkommen der Euthanasie zu stoppen.”

Berg beschreibt ein Foto vom “Marsch für das Leben” so:

“Eine wackere Frau mit Schüttelfrisur hält zwei Kinder an den Händen. Man sieht die beiden von hinten, da hängen Schilder um ihre Hälse. Danke Mama, ich darf leben, steht darauf. Okay, denkt man sich, korrekt ihr kleinen Racker, dass ihr euch einmal bei eurer Mutter bedankt, aber hätte dazu nicht ein kleines Gedicht genügt? Muss man denn alles öffentlich machen, jeden Furz, in Zeiten der sozialen Medien? Überdies: Eine seltsame Aussage für zwei Kinder, nicht älter als sechs, und ob sie da wohl selber darauf gekommen sind? Ob sie gebettelt haben, Mama, Mama, wir wollen am Marsch fürs Leben teilnehmen und diese Schilder sollen wie Fahnen um unseren Hals hängen? Erwachen die kleinen Biester jeden Morgen und denken, hallo Morgen, du Geschenk Leben, das ich hiermit bejahe? Und ist es wirklich so schrecklich, nicht geboren zu werden? Es kann sich doch sowieso niemand an die Zeit vor seiner Geburt erinnern.”

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