Die Lust an der Zensur


Wie weit darf Kunst in der Religionskritik gehen? Um Äußerungen des Schriftstellers Martin Mosebach ist eine heftige Debatte entbrannt. (Bild: picture alliance / dpa / Erwin Elsner)

In seinem Essay über „Kunst und Religion – vom Wert des Verbietens“ wünscht sich Martin Mosebach eine rigorosere Anwendung des Blasphemie-Paragrafen 166 und die Zensur zurück. Nicht nur von atheistischer Seite schlägt dem Büchnerpreisträger und bekennenden Katholiken dafür Kritik entgegen.

Von Agnes SteinbauerDeutschlandfunk

Seit der Schriftsteller Martin Mosebach Mitte Juni in der „Berliner Zeitung“ eine striktere Anwendung des Blasphemie-Paragrafen forderte, ist eine heftige Debatte entbrannt: Wie weit darf die Kunst in der Religionskritik gehen?

„Herr Mosebach ist auf einem sehr eigenwilligen Trip – zum religiösen Eiferer katholischer Prägung … „

Klaus Staeck, Präsident der Berliner Akademie der Künste, wundert sich über den neuesten Coup seines Akademie-Kollegen Martin Mosebach. In dessen Essay über „Kunst und Religion – vom Wert des Verbietens“ wünscht sich der Büchnerpreisträger und bekennende Katholik die Zensur zurück.

Zu sehr dürften sich Künstler in Deutschland gotteslästerlich austoben – unbehelligt vom Blasphemie-Paragrafen 166, der endlich, so Mosebach, viel rigoroser zur Anwendung kommen soll. Nach dem Strafgesetzbuch drohen demjenigen Freiheitsstrafen bis zu drei Jahren oder Geldstrafen, der „durch Verbreiten von Schriften den Inhalt des religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses anderer in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören.“

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6 Comments

  1. @Helene

    Sie haben zwar im Prinzip recht, sollten Martin M. aber nicht zuviel des Nachdenkens unterstellen. Als Extremkath. weiß er natürlich, dass alleine seinesgleichen auf dem einzig richtigen und ausschließlich seligmachenden Wege sind. Alles andere sind rhetorische Kniffe, um die massa stupida zu führen.

    Am Grunde liegt eher der Habitus des Aristohaptikers. Die eigene hochwerte Haut fühlt sich genuin aristokratisch an, und zugleich hascht man nach dem Aristokratenstatus, der heute nicht mehr fraglos zukommt. Der rabiate Katholizismus ist eines der Vehikel dazu; sehen Sie dazu nur, wie viel an ständestaatlichen Verklärungen sich an dessen Rande nach wie vor tummelt. Es versteht sich von selbst, dass sich die Adepten oben und nicht unten ansiedeln. Auch wer Mittelalter spielt, tut dies als Ritter und nicht als leibeigener Bauer.

    Dahin gehört auch der für die massa gedachte Trick, die Moderne einerseits zu umarmen, indem man die ihre Humanität als eigenes Produkt darstellt, um dann stante pede auf deren faktische partielle Elimination zu zielen. Wenn Sie die Welt des Martin M. verstehen wollen, müssen Sie Dávila und seine Auslassungen dazu lesen. Dort rangiert die massa als Material und Werkzeug im Dienste einer selbstgewissen Oberschicht, welche sich an ihrer abgeklärten Großartigkeit und der ewigen Seinsordnung berauscht, für welche die anderen gerne Opfer bringen dürfen. Ferner müssen Sie E. Jünger heranziehen. Bei diesem rangiert die massa auch als ästhetisches Spielmaterial von Aristokratinos, gleich ob diese nietzscheanisch oder christlich behaucht sind. Wenn andere hops gehen, ist das eben Schicksal, kann einem selbst schaurig-schöne Anblicke bereiten und zu ebenso tiefsinnigen wie selbstgefälligen & edelramschartigen Reflexionen bringen. Die Affinität zur geistigen Billigware war und ist halt das Problem der Aristokratinos.

    Es ist daher nur folgerichtig, wenn Martin M. sich andernorts über das unvollständige Menschsein usw. Nichtgläubiger auslässt. Wo Werte fehlen, fehlt das Menschsein. Früher leitete man daraus weitergehende Befugnisse ab, inklusive derer des In-Rauch-Aufgehen-Lassens, aber davor bewahren uns heute Ihro Exzellenzen wie Martin M.

    Interessant wird es eigentlich erst dann, wenn man konkrete Beispiele für Blasphemie gegenüber dem Christentum hören möchte. Also wissen möchte, was beispielsweise in den letzten 10 Jahren darunter hätte fallen sollen. Da allerdings halten sich die Adepten eher bedeckt. Man darf vermuten, dass die Unterbindung von Kritik an Funktionsträgern ein wesentliches Ziel ist.

    Dies allerdings wagen auch Aristokratinos noch nicht zu sagen. Dass es erbärmlich ist – und vermutlich sogar kontraproduktiv -, den Glauben per Strafgesetz zu sichern, diese Einsicht dürfte Martin M. unerreichbar sein. Man sichert den moralischen Bestand der Gesellschaft, daher muss man geschützt werden, darf aber andere nach Belieben als minderwertig deklarieren, so ist halt die superbia catholica.

    Spöttisch ließe sich noch anmerken, dass für eine solche Figur eigentlich auch die Tatsache beklagenswert sollte, dass sie den Büchnerpreis erhielt. Und zwar deshalb, weil dies gerade die Herrschaft des „Relativismus“ anzeigt. Dass ein Adept von E. Jünger, Dávila etc. mit dem Autor des „Hessischen Landboten“ und des „Woyzeck“ assoziiert wird, dürfte ja schwerlich anders denn als Beliebigkeit und Verfall vernünftiger Maßstäbe zu interpretieren sein.

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  2. Hm, ich nehme mal an, Mosebach hält sich auch jetzt schon daran , ist gleichzeitig ein guter Katholik und glaubenstreu evangelisch, betrachtet Mohamed als Propheten und die Dreifaltigkeit als Polytheismus, während er gleichzeitig auch die Aussagen des Judentums akzeptiert, gemäss denen Jesus kein Messias und Mohamed kein Prophet ist. – Multiple Persönlichkeit?
    Man sollte in dieser Debatte nie vergessen, das die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religon an sich Balsphemie im Sinne jeder anderen Religion ist.

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  3. Man sollte Martin M. nicht zu ernst nehmen. Er ist auch nicht „auf einem eigenwilligen Trip“, sondern reproduziert nur das, was man verschiedentlich, etwa in der Romantik oder zu Zeiten den ersten Weltkrieges, reichlich beobachten konnte. An den rhetorischen Ausblend- und Wünschdirwas-Fähigkeiten gebricht es ihm ebenfalls nicht. In schwierigen Zeiten suchen viele Personen ein festes geistiges Korsett, da es ihnen nicht gelingt oder zu anstrengend ist, einen eigenständigen Weg zu finden. Ob das die katholische Kirche oder das Völkische ist, ist sekundär. Hinzu kommt, dass es für „Intellektuelle“ attraktiv ist, dieses Korsett als Zwangsmaßnahme für andere zu empfehlen. Sich selbst gewährt man bedarfsweise eine dandyhafte Freiheit, entsprechend dem klassischen Habitus „Macht ohne Verantwortung“; es ist ja wesentlich auch ein ästhetizistisches Spiel. Dieses Spiel bietet sich auch an zwecks Selbstdarstellung und Aufmerksamkeitsheischen im Medienzirkus, ähnlich wie bei seinem Kollegen Matussek. Ein responsives Segment im Publikum gibt es für alles, auch für dezisionistische, mit aller Kraft unredlich bemühte Salonkatholiken, ihre Fossilismen und preiswerten ästhetischen Berauschungen. Es muss halt nur tiefsinnig klingen, darf sonst aber gerne auch hohl sein.

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  4. Bei jeder „Beschneidung“ stellt sich offensichtlich auch immer ein Katholik ein.

    Diesmal sollen unsere Grundrechte dem Islam geopfert werden und zwar mit der Beschneidung der Freiheit der Kunst und mit der Beschneidung der Meinungsfreiheit …..zwar zur Steigerung deren Produktivität! Leider kann sich Václav Havel zur Schnapsidee des Mosebach nicht mehr äussern.

    Die Session der Narren wird dieses Jahr aber schon früh eröffnet. Helau und Alaaf!

    Wie zivilisiert war doch die Aufklärung die mit einem Voltaire zugeschriebenen Zitat die Beschneidung der Meinungsfreiheit ad absurdum führte:

    „Ich bin nicht Eurer Meinung, aber ich werde darum kämpfen, dass Ihr Euch ausdrücken könnt.“ Voltaire

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  5. Jede Diktatur, jeder Despotismus hat zwangsläufig einen Pausenclown, sonst hätten die Menschen absolut nicht zum lachen.

    Jetzt hat er sich enttarnt

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