Die Vergewaltigung der Religionsfreiheit


foto: ingo pertramer
Niko Alm: Träger der Religionsfreiheit ist primär das Individuum und nicht die Institution.

 

Wir brauchen eine evidenzbasierte Politik in der Beschneidungsdebatte

Von Niko AlmderStandard.at

In Österreich erleben wir im Moment, wie Religionsfreiheit in ihrem eigentlichen Sinn gedreht und nach Strich und Faden von den Religionsgesellschaften argumentativ missbraucht wird.

Historisch wurde die Freiheit, ein religiöses Bekenntnis anzunehmen, abzulegen oder auszuleben, gegen den Widerstand der herrschenden Religionen erkämpft. Echte individuelle Religionsfreiheit als Grundrecht ist vor allem ein Verdienst aufklärerischer Kräfte. Es kommt hauptsächlich jenen zugute, die eben nicht Teil der religiösen Mehrheitsgesellschaft sind und sich durch gesetzliche Anerkennung ohnehin in einem privilegierten Sonderstatus befinden.

Ungewöhnliche Allianzen

Im Zuge der Beschneidungsdebatte formierte sich eine ungewöhnliche Allianz von Vertretern dieser staatlich bevorzugten Bekenntnisse. Zur Verteidigung ihrer religiösen Privilegien deuten sie die individuelle Religionsfreiheit kurzerhand zu einem Freibrief der Religionsgesellschaften um, der jede Kritik an ihren Praktiken verunmöglichen soll. Im Namen der Religionsfreiheit sollen „Jahrtausende“-alte Traditionen, die mit den Grundrechten ganz offensichtlich kollidieren, diskussionslos legalisiert werden. Die öffentliche Debatte wäre einzustellen, weil Katholiken, Juden, Muslime und Protestanten es so wünschen.

weiterlesen