Gewerkschaftsstreit: Raus aus dem Turm


Nach dem Kulturkampf im 19. Jahrhundert hatte sich der deutsche Katholizismus eingebunkert. Doch immer mehr Laien wandten sich gegen den Klerus und der interkonfessionellen Gesellschaft zu. Im sogenannten Gewerkschaftsstreit wurde darüber jahrelang erbittert gestritten.

Von Peter HertelDeutschlandfunk

Gran Marcia trionfale – „großer Triumphmarsch“ hieß die Hymne des Heiligen Stuhls zu Zeiten Pius‘ X. In der Tradition des römischen Triumphalismus bannte dieser Papst sogenannte modernistische Katholiken und ihre Bewegungen in Italien und Frankreich. Sie hatten es gewagt, enge konfessionelle Einzäunungen zu über-springen. Im Hinblick auf das gemischt-konfessionelle Deutschland dagegen zögerte Papst Pius, obwohl er jahrelang zu einer Erklärung gedrängt wurde. Seine Enzyklika, sein Rundschreiben „Singulari quadam“, das er schließlich herausgab, stellte zwar die rein katholischen Arbeiter- und Gewerkvereine als Ideal dar. Aber überraschend untersagte der Papst den Katholiken nicht, mit evangelischen Christen interkonfessionelle Gewerkschaften zu bilden. Am 24. September 1912 ließ Seine Heiligkeit die deutschen Bischöfe wissen:

„Nicht wenige unter Euch, Ehrwürdige Brüder, bitten Uns um Erlaubnis, die so-genannten Christlichen Gewerkschaften … zu dulden, weil sie eine viel größere Zahl von Arbeitern umfassen als die rein katholischen Gewerkschaften und weil große Nachteile entstünden, wenn dies nicht erlaubt würde. … Wir erklären, dass sie ge-duldet werden können und es den Katholiken erlaubt werden kann, auch ge-mischten Vereinigungen anzugehören.“

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