Mit unscharfer Logik, „fein abgestimmt“ gegen Dawkins


Religion und Vernunft haben nichts miteinander zu tun – behauptet der radikale Religionskritiker Richard Dawkins. Ein US-Bestsellerbuch, das mit intellektueller Brillanz die Gegenthese vertritt, ist jetzt auf Deutsch erscheinen.

merkur-online.de

Wie kommt es, das aktuell ein Buch erschienen ist, das den Anspruch erhebt, ein Werk zu widerlegen, das bereits sechs Jahre auf dem Buckel hat? Besagter Bestseller ist der „Gotteswahn“ des Biologen Richard Dawkins, eine massive Polemik gegen die Religion im Allgemeinen und den christlichen Glauben im Besonderen.

Nun ist es nicht so, dass Dawkins Werk bis heute unwidersprochen geblieben wäre. Das Buch erntete rasch auch vernichtende Kritiken: Dawkins stelle ein Zerrbild der Religion dar, wurde ihm vorgeworfen. Außerdem propagiere er einen vermeintlich unüberbrückbaren Gegensatz zwischen Naturwissenschaft und Glaube, der sich bei näherem Hinsehen vielmehr als Gegensatz zwischen den beiden philosophischen Systemen des Materialismus und Theismus darstelle. Somit argumentiere Dawkins nicht mit DER Naturwissenschaft an sich, sondern mit einer materialistischen Weltsicht, die er an die Naturwissenschaft herantrage. Zumal, so ein weiterer Kritikpunkt, offenbare der brillante Rhetoriker Dawkins in punkto Philosophie und Theologie eklatante Wissenslücken.

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4 Comments

  1. 1. Es ist in meinen Augen richtig, dass die Argumente von Dawkins gemessen am Denken moderner Theologen (und auch Philosophen) teils etwas zu simpel und oberflächlich sind. Genau so richtig ist allerdings, dass er (leider) kein Zerrbild des real existierenden Christentums zeichnet in dem Sinne, dass seine Kritik das Gottesbild einer großen Zahl der Gläubigen sehr wohl korrekt beschreibt. Theologen sollten überlegen, ob sie nicht gut daran täten, die Gläubigen stärker zu belehren.

    2. Das Argument, dass auch Naturwissenschaftler an etwas „glauben“ müssen, ist philosophisch billigste und stark abgegriffene Ware und wird doch verblüffenderweise nach wie vor unermüdlich vorgebracht. Den beiden Autoren kann doch unmöglich entgangen sein, dass a) pragmatische und b) korrigierbare Vorannahmen etwas anderes sind als ein religiöser Glaube, der doch auch ganz andere (z.B. Sinn-)Dimensionen beansprucht. Dieser Unterschied ist fundamental auch dann, wenn man ihn gar nicht mit Auf- oder Abwertung verbindet. Wenn das, was in der Rezension dazu angedeutet ist, Zeichen von intellektueller „Brillanz“ sein soll, dann „Gnade Gott“ dieser Philosophie aus dem Mängelwareangebot.

    3. Sich auf das anthropische Argument zu berufen, scheint mir ebenfalls kein Zeichen intellektueller Brillanz. Erstens ist die Feinabstimmung vermutlich keineswegs so gut gesichert und „fein“, wie gemeinhin „geglaubt“ wird, da in den Berechnungen in der Regel die Kopplungen zwischen Konstantenbereichen vernachlässigt wurden. Zweitens ist sie selbstverständlich mit Zufall vereinbar, da für einmalige Ereignisse keine Wahrscheinlichkeiten definiert werden können. Jeder Atheist kann sagen „die Welt ist halt so wie sie ist“, und es bedarf wohl der (manischen) Suche nach dem (uneingestanden anthropomorphen, nur als logisch kaschiertem) „Seinsgrund“, um sich damit nicht als „letztem Geheimnis“ zufrieden zu geben. Drittens gibt es zur Erklärung moderne Hypothesen wie z.B. diejenigen der Multiversen, die sich – obgleich derzeit noch rein spekulativ, aber vielleicht einmal indirekt prüfbar – auf der Höhe des heutigen wissenschaftlichen (quantenmechanischen) Denkens bewegen, während es völlig klar ist, dass sich der Schöpfergedanke in seiner faktisch verbreiteten Form nach wie vor an schlichtesten anthropomorphen Schemata des Handwerkers oder pater familias orientiert (man vergleiche nur die aberwitzige „Diskussion“ über „Gottvater“).

    4. Es besteht daher in meinen Augen kein Grund für ein Überlegenheitsgefühl, vor allem, wenn Theologen (oder Philosophen) auch noch ihr naturwissenschaftliches Wissen primär aus (womöglich bereits weltanschaulich vorgebahnten) populärwissenschaftlichen Darstellungen beziehen und damit nicht wirklich eigenständig urteilsfähig sind. Im Übrigen scheint das Buch ja nur eines der vielen lautstarken Gefechte, die man als Rückzugsgefechte, aber auch als friedliche Selbsteinordnung und Platzsuche sehen kann, denn die Evolutionstheorie werden die Autoren ja nicht mehr anfechten wollen; dass die Wissenschaft in Ruhe und ohne sich stets gegen Narren, Holzköpfe und Fanatiker verteidigen zu müssen arbeiten kann, ist in meinen Augen die Hauptsache bei solchen Diskussionen. Die weltanschaulich-naturalistischen Folgerungen, die Dawkins zieht, bewegen sich auch meines Erachtens eindeutig aus dem Gebiet der Naturwissenschaft hinaus. Um das zu erkennen, braucht es aber kein Buch.

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  2. Der Merkur, die Trompete der Pfaffen in Oberbayern ist berühmt für Beiträge aus dem Reich der Religiotie. Man muss nicht nur sehen was geschrieben steht, sondern auch wo es geschrieben steht. Dieser Bericht dient nur dazu ins Gespräch zu kommen und um nach vier Jahren wenigsten irgendetwas zu antworten, wenn es auch nichts an der Glaubwürdigkeit R.Dawkins ändern wird. Es wurde nichts bewiesen und auch nichts Gegenteiliges belegt.
    Geschwurbel bleibt halt Geschwurbel, egal wer es schwurbelt. 😈

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  3. Hinzuzufügen wäre noch, dass der Merkur(!)-Autor ganz offensichtlich das anthropische Prinzip (und Dawkins Argumentation, sic!) nicht verstanden hat. Sein Vergleich hinkt nicht nur, er ist geradezu „beinamputiert“. Es setzt das Ausbleiben eines Ereignisses, das eine bewusste Entscheidung in die eine wie die andere Richtung voraus setzt und eine Zufallstatsache, die eine weitere Tatsache zur Folge hat, gleich. Das ist Blödsinn, weil es a priori eine bewusst entscheidende Instanz (die Schützen) voraussetzt! Wenn schon eine Erschießungsszene (warum sind Theisten nur immer so waffenfixiert?!), dann so:

    – Ein Delinquent steht mit verbundenen Augen vor der Wand. Er weiß nur, dass 1000 Schützen schießen werden.
    – Nach den 1000 Schüssen schließt der überlebenden Delinquent mit immer noch verbundenen Augen aus dem „delinquentischen Prinzip“: „Hätten die Schützen nicht daneben geschossen, könnte ich mich nicht des Lebens erfreuen und wundern, dass ich nach 1000 Schüssen immer noch lebe.“
    – Das „delinquentischen Prinzip“ macht gar keine Annahmen über den genauen Hergang.
    – Der kreationistische (theistische) Ansatz hingegen wäre: „Da ich nach 1000 Schüssen immer noch lebe, müssen sich die Schützen verabredet haben, absichtlich daneben zu schießen.“ (Oder der Kommandant hat sie angewiesen daneben zu schießen.)
    – Der kreationistische Ansatz schließt a priori aus, dass z. B. die 1000 Schützen z. B. mit verbundenen Augen wild gedreht wurden und dann willkürlich je einmal geschossen haben (dass man also nur nicht mitgeteilt hat, dass es ein „Gottesurteil“ werden sollte).
    – Der wissenschaftliche Ansatz beginnt mit dem „delinquentischen Prinzip“ und versucht a) die Einschusslöcher zu finden und b) aus der erkannten Anordnung etwas über den Verlauf der Szene heraus zu finden.

    Vergleiche auch Douglas Adams Idee der „kreationistischen Sicht“ einer Pfütze in „Imagine a puddle waking up one morning…“ (s. https://en.wikiquote.org/wiki/Douglas_Adams).

    Und selbst wenn ein Universum mit Wesen wie uns darin nur mit exakt diesen Konstanten möglich ist, ist das kein Beweis, dass überhaupt keine anderen Konstanten-Kombinationen in anderen Universen irgendwie geartetes intelligentes Leben ermöglichen. Alle Kombinationen der Konstantenwerte, die Replikatoren und Vererbung erlauben, werden etwas analoges wie unser Leben auch unter diesen Voraussetzungen entstehen lassen. Wir sollten nur nicht voraussetzen, dass es uns ähnlich sei!

    Wie uns immer neue Erkenntnisse (z. B. über die Möglichkeit einer ‚theory of mind‘ sogar bei Vögeln) lehren (sollten, seufz!), sind wir nicht einmal in der Lage sicher zu erkennen, was alles intelligentes Leben auf dieser Erde überhaupt sein kann oder gar ist – vom gesamten Universum ganz zu schweigen! Wir können IMO sogar durchaus davon ausgehen, dass anderes intelligentes Leben die gleiche Schwierigkeit hätte, uns als ebenbürtig zu erkennen, wie wir jenes!

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  4. Spekulationen über Götter und übernatürliche Wesen sind wahrscheinlich so alt wie die Menschheit selbst.
    Auch wenn „Merkur-online“-Feuilletonisten bei RatzeBene ein „verständliches“ deutsch im Schreibstil ausgemacht haben wollen, ändert das nichts an der mageren wissenschaftlichen Substanz seiner sogenannten „Gottesbeweise“ wie seiner göttlichen Naturphilosophie. Auch RatzeBene’s Spekulationen in seiner Bestseller Trilogie ‚Jesus‘ sind vielleicht literarisch unterhaltsam, aber die dürftige historische Beweislage der Existenz Jesu’s im römischen Palästina vor 2000 Jahren haben sie um kein Jota verbessert.

    Auch frühere theologische Spekulationen darüber „Wieviel Engel wohl auf einer Nadelspitze tanzen könnten“ haben keine wissenschaftliche Evidenz über deren Existenz zutage gebracht….und heutige Theologen scheuen sich weiterhin über Dämonen, Engel, Feen, Kobolde oder andere göttliche Heinzelmännchen…. zu spekulieren. 😉

    Wie schon der britische Philosoph und Mathematiker Bertrand Russel Anfang des 20. Jahrhundert argumentierte, wer spekuliert da gäbe es einen Gott…oder wer (sehr britisch!) behauptet, neben den bekannten Planeten in unserem Sonnensystem, umkreise auch noch eine „Teekanne“ die Sonne, die aber mit unseren astronomischen Instrumenten nicht erfasst werden könne, muss diese Behauptung wissenschaftlich beweisen und nicht jene, die eingebildete Phänome bezweifeln. 😉

    Richard Dawkin’s hat in seinem Bestseller „Der Gotteswahn“ – allgemein verständlich – ohne den sprachlichen Ballast von Theologie wie Philosophie – auf die fehlenden wissenschaftlichen Beweise für die Existenz von Göttern, Teufeln, Engel, Feen und Kobolde hingewiesen und argumentiert, eine „göttliche“ Welt und eine „gottlose“ müssten wohl doch zu unterscheiden sein, wenn sie relevant sein sollen? Heerscharen von Religionsfunktionären, Theologen, Philosophen wie auch Feuilltonisten fühlen sich durch diese Frage existentiell herausgefordert. 😉

    Die in der Entgegnung zu Dawkins “ Der Gotteswahn“ benutzte Spekulation über eine sogenannte „anthropologische“ Feinabstimmung“ der physikalischen Konstanten unseres Universum ist aber möglichereise genau so erhellend wie ein Disput bei den Hühnern „Was wohl zuerst dagewesen sei…der Hühnergott, das Huhn oder das Ei“. 😉

    Der US Physiker und Nobelpreisträger Richard Feynman wurde 1965 für seinen Beitrag zur Erklärung der Quantenfeldtheorie (QED) ausgezeichnet. Wie Dawkins war Feynman dafür bekannt, komplexe wissenschaftliche Sachverhalte allgemeinverständlich darzustellen. Deshalb sind sind seine physikalischen Vorlesungen noch heute Bestseller. Einmal nahm er die komplexen Phrasen der (Wissenschafts) Philosophie auf Korn, als er bemerkte, deren Einfluss auf Physiker sei so bedeutend, wie die Einfluss der Vogelkunde auf die Vögel. 😉

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