Die Macht der Religionen


napoleon_religionWie frei ist, darf und sollte die Religionsausübung in einem Staat sein? Wo liegen in der Auslegung des eigenen Glaubens und der eigenen Überzeugung die Grenzen der Religionsfreiheit, wo endet das Grundrecht auf Meinungsäußerung und religiös motiviertes Handeln?

Von Christoph MöllersDeutschlandfunk

Autor Christoph Möllers ist Verfassungsrechtler an der Humboldt-Universität zu Berlin.

I. Von der Distanz zum eigenen Glauben

Die Freiheit der Religion gilt als altes Grundrecht. Schon die englischen Pilger auf ihrem Weg nach Amerika beriefen sich auf sie. Der deutsche Staatsrechtler Georg Jellinek plädierte in einem berühmten Buch im Jahre 1895 gar dafür, dass man sie als das historisch erste Grundrecht verstehen müsse. Dies bleibt eine umstrittene These; unbestritten dürfte dagegen sein, dass alles, was wir heute wie selbstverständlich zur Freiheit der Religion zählen, vergleichsweise neu und durchaus voraussetzungsreich ist: Dass sich ein Einzelner auf seine Religionsfreiheit berufen kann, und zwar gänzlich unabhängig davon, welcher Religion er angehört, wäre den meisten Europäern noch im 19. Jahrhundert sehr seltsam vorgekommen.

Schließlich spielen sich die meisten Religionen in einer Gemeinschaft ab, über deren Vorstellungen kein Einzelner verfügen können soll. Rechte aus Religion waren zunächst Rechte einer religiösen Gemeinschaft darauf, in ihrer – auf den Innenraum beschränkten – Praxis vom Staat unbehelligt zu bleiben. Das Recht eines Einzelnen auf öffentliche religiöse Präsenz war davon nicht umfasst.

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