Mensch und Natur: Willkommen im Anthropozän


Foto: eoVision/GeoEye, 2011, distributed by e-GEOSDie drittgrößte Stadt der USA beeindruckt mit Wolkenkratzern am Chicago River, während Yachthafen, ein Vergnügungspark und eine Wasseraufbereitungsanlage in den See ragen.
Foto: eoVision/GeoEye, 2011, distributed by e-GEOS
Die drittgrößte Stadt der USA beeindruckt mit Wolkenkratzern am Chicago River, während Yachthafen, ein Vergnügungspark und eine Wasseraufbereitungsanlage in den See ragen.

In dieser Woche wird in Berlin eine neue erdgeschichtliche Epoche eingeläutet: Das Anthropozän. Der Begriff soll unser Denken verändern. Ein Gespräch mit dem Geobiologen Reinhold Leinfelder

Von Ulrich SchnabelZEIT ONLINE

DIE ZEIT: Sie sind einer der Initiatoren des Anthropozän-Projektes, das am 10. Januar in Berlin startet. Worum geht es?

Reinhold Leinfelder: Der Begriff Anthropozän – Menschenzeit – soll zum Ausdruck bringen, dass wir die erdgeschichtlich relativ stabile Epoche des Holozäns hinter uns gelassen haben und etwa seit dem Jahr 1800 in eine neue Epoche eingetreten sind, in der der Mensch zum dominierenden geologischen Faktor geworden ist. Das kann man an vielen Punkten festmachen: Mehr als 90 Prozent allen Pflanzenwachstums findet in Systemen statt, die der Mensch beeinflusst, 90 Prozent der Biomasse aller lebenden Säugetiere werden vom Menschen und seinen Haustieren gestellt, und mehr als drei Viertel der eisfreien Landoberfläche sind nicht mehr im ursprünglichen Zustand.

ZEIT: Dass der Mensch die Umwelt formt, wissen wir ja schon lange. Was ist neu am Anthropozän außer dem Begriff an sich?

Leinfelder: Neu ist die Erkenntnis, dass wir ein untrennbarer Teil des Systems sind. Noch denken wir in Gegensätzen: Auf der einen Seite die »gute« Natur, die man bewahren muss; auf der anderen der Mensch und die »böse« Technik, deren Einfluss man zurückdrängen muss. Doch dieser Dualismus ist überholt. Natur und Kultur sind Teile eines Gesamtsystems geworden. Das eine lässt sich nicht ohne das andere begreifen.

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