Die Liberalen Hochschulgruppen Nordrhein – Westfalens und Dodo-Steffens


steffens Pseudowissenschaften haben keinen Platz an unseren Hochschulen
An deutschen wie europäischen Hochschulen sind Alternativmedizin und Esoterik auf dem Vormarsch. Diesem Trend stellen sich die Liberalen Hochschulgruppen Nordrhein-Westfalens entschieden entgegen.

Liberale Hochschulgruppen NRW

Eine Hinwendung zur alternativen Medizin bedeutet eine Abwendung von den Maßstäben akademischer Arbeit. Alternativmedizin schadet NRW als Forschungsstandort im internationalen Wettbewerb. Homöopathie im Hochschulwesen bedeutet eine Abkehr vom Denkstil der Aufklärung. Das »sapere aude« Kants ist der vorrangige Wahlspruch jedes Wissenschaftlers und darf nicht den Interessen der Landesregierung und privater Verbände geopfert werden. Landesministerin Barbara Steffens plant eine schrittweise Integration von wirkungslosen Therapieformen in der Hochschullandschaft. Den dahinterstehenden Ideologien begegnen die Liberalen Hochschulgruppen Nordrhein-Westfalens mit den Worten Adornos:»Okkultismus ist die Metaphysik der dummen Kerle«.

«Die Liberalen Hochschulgruppen in NRW lehnen die Schaffung von eigens eingerichteten Lehrstühlen und verbindliche Veranstaltungen zur Alternativmedizin an öffentlichen Hochschulen in Nordrhein-Westfalen ab. Behandlungsmethoden, die den Erkenntnissen der evidenzbasierten Medizin widersprechen, sollen erforscht, aber nicht ohne kritische Auseinandersetzung gelehrt werden. Dabei ist der Freiheit von Forschung und Lehre insofern Rechnung zu tragen, als dass Mindermeinungen im wissenschaftlichen Diskurs eine weitestgehende Freiheitssphäre eröffnet bleibt, solange eine Einschränkung nicht erforderlich ist, um Gefahren im Gesundheitswesen durch zweifelhafte Behandlungsmethoden Rechnung zu tragen.

Begründung

Pseudomedizin auf dem Vormarsch

Die Zahl der nicht staatlichen Hochschulen steigt rapide. Von 2000 bis 2010 stieg die Anzahl privater Hochschulen von 47 auf 108 auf ein Viertel der Hochschulen insgesamt. Wenngleich es im Grundsatz zu begrüßen ist, wenn Staat und Private um die besten Studenten werben, birgt diese Entwicklung die Gefahr der Einflussnahme von Interessengruppen in sich. Gerade die Ausbildung in Heilbehandlungsberufen ist anfällig für den Einfluss der Pharmahersteller, aber auch von Ideologien und bedarf daher externer Qualitätssicherung.

In Taunstein in Oberbayern soll die erste europäische Hochschule für Homöopathie eröffnet werden. Getragen wird sie von dem Lobbyverband »European Union of Homeopathy«. Hier sollen künftig Studenten einen Abschluss in Homöopathischer Medizin mit BA/MA erwerben können.
Die Berliner Steinbeis-Hochschule, die Berliner Hochschule für Gesundheit und Sport und die Idsteiner Fresenius-Hochschule bieten Studiengänge in Komplementärmedizin an. Mit der Alanus-Hochschule in Alfter
entstand in NRW ein Bachelorstudiengang in anthroposophischer Eurhythmie. Einen BA/MA-Abschluss in Waldorfpädagogik können Interessenten an der Anthroposophischen Freien Hochschule in Mannheim erwerben. Die Liste der Beispiele ist nur exemplarisch und könnte fortgesetzt werden.

Doch nicht nur private Hochschulen sind anfällig für die Einflussnahme alternativmedizinischer Interessengruppen. An der Universität Zürich wurde ein Lehrstuhl für Naturheilkunde eingeführt.
An der renommierten Charité-Berlin werden Akupunktur, Mind-Body-Medizin, Neuraltherapie und Pflanzenheilkunde angewendet. Ähnliche Angebote findet man im Klinikum Essen-Mitte.

Im Klinikum München setzt man auf traditionelle chinesische Medizin. An der Universität Bern hingegen wird anthroposophische Medizin erforscht und gelehrt. An der Universität Frankfurt/Oder wurde 2008 der Masterstudiengang Komplementäre Medizin eingeführt. Zu diesem zählt auch eine Ausbildung in Homöopathie als Wahlpflichtfach. Der Studiengangleiter Harald Walach war Berater einer niederländischen Firma, die in Afrika ein homöopathisches Aids-Medikament erproben wollte.

Einflussnahme von Interessengruppen

Forschung, Lehre und Praxis alternativmedizinischer und esoterischer Behandlungsmethoden finden in Herstellern homöopathischer Präparate liquide Sponsoren.
Dazu zählen Hersteller wie die Biologische Heilmittel Heel GmbH, die Deutsche Homöopathie Union GmbH & Co. KG oder die Dr. Willmar Schwabe GmbH & Co. KG. Aber auch Stiftungen. Wie der Krupp-Stiftung, der Carstens-Stiftung und andere Interessengruppen treten als Sponsoren von Lehrstühlen und Forschungsprojekten auf. Insbesondere die Carstens-Stiftung hat das Ziel, »Naturheilkunde und Homöopathie in Wissenschaft und Forschung zu integrieren« und fördert diese mit knapp 1,5 Millionen Euro pro Jahr.

Barbara Steffens und die Pseudomedizin

Mit der Wahl von Barbara Steffens zur Ministerin für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen traf die rot-grüne Landesregierung eine Richtungsentscheidung zugunsten der Integration der Alternativmedizin und Esoterik in den Wissenschaftsbetrieb.

Steffens ist bekennende Streiterin für Homöopathie und Esoterik. Ziel Steffens ist es, Einfallstore für Pseudowissenschaften in das Hochschulwesen zu errichten. Nicht nur eröffnete sie den Deutschen Homöopathiekongress und warb für den DZVhÄ für die Homöopathie. Auch argumentierte sie auf der Website des MGEPA für Alternativheilverfahren und deren Aufwertung durch die europaweite Akademisierung des Heilpraktikerberufs.

Die Ministerin wandte sich gegen das »Entweder-oder in Bezug auf konventionelle, integrative oder komplementäre Verfahren« und sprach sich für ein »Sowohl-als-auch« aus. Steffens vertritt die unter Homöopathen verbreitete Ansicht »Wer heilt hat recht« und schließt sich somit gängigen Argumentationsmustern von Heilpraktikern und Alternativmedizinern an. Diesen zufolge sind Vorgänge im menschlichen Körper nicht abschließend wissenschaftlich erklärbar1. Gleichzeitig existiert nach ihrer Auffassung kein Gegensatz zwischen Schul-und Alternativmedizin. Steffens argumentiert mit Studien, z.B. des Charité Berlin, die den Anschein der Wirksamkeit homöopathischer Präparate suggerieren. Tatsächlich konnte niemals in qualitativ hochwertigen Studien und Metaanalysen nachgewiesen werden, dass homöopathische Mittel eine nennenswerte,über den Placebo-Effekt hinausgehende Wirksamkeit haben2.
Neben der Werbung für Alternativheilverfahren fordert Steffens3 deren Integration in das Medizinstudium. Dadurch könnten »Medizinstudentinnen und-studenten auch diese Tätigkeitsfelder bei der Ausrichtung ihres weiteren beruflichen Werdegangs angemessen prüfen.« Ziel im Rahmen ihrer Arbeit sei es, »eine bessere Vernetzung Nordrhein-Westfalen auch als Standort für Integrierte Medizin beziehungsweise Komplementärmedizin« herzustellen. Daneben kritisiert sie, dass Alternativheilverfahren noch nicht ausreichend in den Leistungskatalogen der Krankenkassen gewürdigt seien.

Barbara Steffens und die evidenzbasierte Medizin

Der Weg zur Verwirklichung der genannten Vorhaben führt nach Ansicht Steffens über die Diffusion der Maßstäbe wissenschaftlicher Lauterkeit. Da es keinen evidenzbasierten Nachweis der Wirksamkeit Homöopathischer Mittel gibt, soll nach Ansicht Steffens der Maßstab der Beurteilung der Wirksamkeit geändert werden: »Bei der Beurteilung von neuen Untersuchungs-und Behandlungsmethoden hat der Gemeinsame Bundesausschuss neben der Frage der Wirtschaftlichkeit auch den jeweiligen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse in der jeweiligen Therapierichtung zu beachten. Hieran wird sich in der nächsten Zeit vermutlich nichts ändern. […]Wir brauchen für die Homöopathie ein anderes, akzeptiertes Verfahren zum Wirksamkeitsnachweis, um die Frage der Kostenerstattung zu öffnen. «
Mit anderen Worten: Eine Integration der Alternativmedizin ist nur zu rechtfertigen, wenn ein entsprechender Wirkungsnachweis erbracht wird. Anhand von Forschungsergebnissen müsste nachgewiesen werden, dass alternativmedizinische Verfahren eine über den Placebo-Effekt hinausgehende Heilwirkung haben. Da dieser Nachweis jedoch voraussichtlich erbracht werden kann, sollen die Voraussetzungen für einen Nachweis gesenkt werden. Eine solche Veränderung der Gütekriterien wissenschaftlicher Arbeitsweise bedeutete jedoch die Abkehr von der evidenzbasierten Wissenschaft. Diese Abkehr betrifft insofern nicht nur den Standpunkt der Schulmedizin, sondern gleichsam jene Maßstäbe, die an die Wissenschaftlichkeit selbst angelegt werden.

1Es besteht ein Unterschied zwischen der zutreffenden Hypothese, die Vorgänge im menschlichen Körper seien wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt einerseits und der Hypothese, die Vorgänge im menschlichen Körper seien wissenschaftlich nicht erklärbar andererseits. Der Unterschied beider Hypothesen wird gerade deshalb schwammig und offen formuliert, weil er von eminenter Bedeutung für die Argumentationsmuster des Obskurantismus ist.

2Vgl. hierzu die ausschlaggebende Metaanalyse von Shang et al. (2005)

3z.B. im Interview mit der DZVhÄ

1 Comment

  1. Im Grunde stimme ich mit diesem Text völlig überein. Möchte aber dennoch drei Anmerkungen (zwei wissenschaftliche und eine wissenschaftspolitische) machen:

    1.) Homöopathie ist nicht scientabel, d. h. die von ihr behaupteten Wirkungsweisen widersprechen allen Kenntnissen und Gesetzen von Biologie, Chemie und Physik. Bevor die Homöopathie überhaupt im Sinne evidenzbasierter Medizin erforscht werden kann, muss sie im wissenschaftlichen Sinne zeigen, dass ihre Behauptungen, soweit sie Biologie, Chemie und Physik widersprechen, richtig, die Gesetze der Biologie, Chemie und Physik also falsch resp. unvollständig sind. Wie Carl Sagan mal sagte: »außergewöhnliche Behauptungen erfordern außergewöhnliche Beweise«. Bevor die Homöopathie ihre Scientabilität nicht unter Beweis gestellt hat, ist eine Beschäftigung mit ihr im Sinne evidenzbasierter Medizin Zeitverschwendung, denn die Methoden der evidenzbasierten Medizin sind nicht geeignet die Gesetze der Biologie, Chemie und Physik zu falsifizieren.

    2.) Die Homöopathie ist keine Naturheilkunde (im Sinne ‚Heilung mit in der Natur z. B. Pflanzen vorkommenden, identifizierbaren Wirkstoffen‘) und sollte auch nicht mit ihr vermischt werden. Ob Naturheilkunde in irgendeiner Weise „sanft“ ist, ist durchaus fragwürdig – ‚der Schierling ist eine Pflanze, geholfen hat das Sokrates aber auch nicht‘. Pflanzen enthalten jedoch biologisch, chemisch und physikalisch wirksame Stoffe. Daher ist die Naturheilkunde, soweit sie nur eine Wirksamkeit bestimmter Pflanzen (resp. deren Inhaltsstoffe) für bestimmte Krankheiten behauptet, scientabel, kann mit den Methoden der evidenzbasierten Medizin geprüft werden – und ist damit der Homöopathie um Lichtjahre voraus.

    3.) Nein, es ist nicht gut, wenn staatliche und private Universitäten (im wirtschaftlichen Sinne) um Studenten werben. Gut ist, wenn jeder (geeignete) Student unabhängig von seiner Herkunft und dem Vermögen seiner Eltern die a) bestmögliche und b) kostenlose Ausbildung bekommt. Unsere Volkswirtschaft ist auf exzellent ausgebildete Bürger angewiesen und erhält durch ihre bestmögliche Ausbildung und daraus folgend überdurchschnittlichen Leistungen die Vorleistungen wieder zurück. Wenn private Universitäten für wenige Vermögende mit außerordentlichen Gehältern die ohnehin zu wenigen wirklich guten Professoren aus den staatlichen Universitäten locken, führt diese Entwicklung insgesamt zu einer kleinen gut ausgebildeten (Pseudo-)Elite, die keineswegs „die besten Studenten“ darstellt, sondern nur diejenigen, deren Eltern sich die gut ausgestattete Private-Uni leisten konnten. Wenn darüber hinaus viele staatliche Universitäten ausgeblutet werden, indem man mit „Exzellenz-Initiativen“ einige wenige Unis besonders fördert und die anderen links liegen lässt, ist das zusätzlich kontraproduktiv! Die Ökonomisierung der Bildung ist eine neoliberale Dummheit!

    Zusatz: Der Satz: ‚Wer heilt hat Recht.‘ ist nicht falsch. Falsch hingegen ist die behauptete Kausalkette, wenn nur die Koinzidenz: ‚Behandlung mit X‘ und ‚Gesundung von Y‘ vorliegt. Es ist der ‚cum/post hoc ergo propter hoc‘-Fehlschluss. Der Nachweis von ‚Heilung‘ geht über das anekdotische Vorweisen von Koinzidenzen w.o.a. hinaus. (Genau das ist es was die evidenzbasierte Medizin vom Homöopathie-Voodoo unterscheidet.)

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