Politik ohne C ist auch okay – Kirchen sind peinlich


Bild: brightsblog
Bild: brightsblog
Viele Parteien gehen auf Distanz zur Kirche. Das zeigen die Diskussionen um die stillen Feiertage oder das Kirchenarbeitsrecht. Doch was passiert, wenn das Christliche aus der Politik verschwindet?

Von Till-R. StoldtDIE WELT

Was waren das für Zeiten, als linksevangelische Nachrüstungsgegner der CDU noch vorwarfen, wer für Pershing-II-Raketen plädiere, sei kein Christ mehr? Oder knapp 20 Jahre später, als Rote und Grüne dem damaligen bayrischen Innenminister Günther Beckstein (CSU) an den Kopf schmissen, seine Asylpolitik stehe außerhalb des christlichen Wertekanons – was Beckstein mit dem Satz parierte, seine Kritiker verströmten den Duft „selbstgerechten Pharisäertums“.

Die Zeit wilder Schlachten zwischen politisierenden Kirchenleuten und frommen Politikern scheint passé. Jedenfalls wird die Frage nach einer christlichen Politik heutzutage oft so sanft wie großzügig diskutiert.

Das belegte eine Tagung der NRW-CDU zur Frage „Gibt es eine christliche Politik?“. Bei der Bonner Konferenz deuteten sich auch Gründe für diesen bemerkenswerten Temperaturabfall in der früher stets hitzigen Debatte ums C in der Politik an.

weiterlesen

4 Comments

  1. Mit Abschaffung des kirchlichen Willkürrechts (fälschlich Arbeitsrecht) wird die Leistung für die Gesellschaft zwangsläufig teurer, da die Arbeitnemer endlich einen höheren Lohn gemäß dem üblichen Niveau bekommen und ihr Privatleben frei ohne Schnüffelei gestalten können.

    Da die Kirchen nur 7% von den 20 Milliarden € an Zahlungen für diese Leistungen ausgeben und den Rest in Prunk und Pomp verplempern, spart die Gesellschaft mit Kündigung des Konkordats mindestens 15 Milliarden €. Notwendig wäre auch die Aufhebung der Steuerbefreiung für alle solche Kirchenunternehmen, die nicht rein sozialen Zwecken dienen – wie etwa Pornoverlage und dergleichen

    Bis dahin werden zwar noch einige Jahre vergehen, aber es kommt in absehbarer Zeit. Dann wird man an dem Gejaule vieler Politker über den „Untergang des Abendlandes“ erkennen können, wer da von den Kirchen über Jahrzehnte geschmiert wird. In der Zwischenzeit sind etwa 27.000 Kirchenbauten von 33.350 zu entsorgen, keiner geht mehr hin und die baufälligen Ruinen sind gefährlich. Man kann nicht alle zu Moscheen umwandeln

    Gefällt mir

  2. @ De Benny, so einfach ist die Sache nicht!

    1. Was »Atheisten« – ich finde die Bezeichnung »säkularer Humanist« treffender – der Kirche vorwerfen, ist, dass sie über die Jahrzehnte so tat, als ob alle diese Leistungen aus der Kirchensteuer finanziert würden und dass es daher geradezu unmoralisch sei, diese nicht mehr zahlen zu wollen oder gar abzuschaffen. Diese jahrzehntelange Irreführung der Menschen brachte ihr den erschlichenen Ruf ein, dass sie doch »so viel Gutes täte«. Die Entlarvung dieser Lüge ändert nichts an der menschlichen Leistung der Menschen, die in diesen Einrichtungen ihren Dienst am Menschen tun, einschließlich jener Krankenhausmitarbeiter, die durch Zwangsmissionierung mittels des Hebels »Kirchliches Arbeits(un)recht« zu »Christen« verwandelt wurden.

    2. Dass nur das Christentum oder die Kirchen solche Einrichtungen hervorgebracht hätten, stimmt zunächst einmal überhaupt nicht. Auch andere Religionen kennen das Gebot der Barmherzigkeit und Fürsorge für den Hilfsbedürftigen. Dass die Kirchen in Europa diejenigen sind, die diese Einrichtungen schafften, stimmt. Aber wer denn sonst? Die Kirche hat ja durch ihre gnadenlose Verfolgung über die Jahrhunderte jede andere Religion oder Weltanschauung, die ähnliche humanistische Aktivitäten hervorgebracht hätte, geradezu ausgerottet. Jetzt den Spieß umzudrehen und zu sagen, seht her, wir sind die Einzigen, die sich um die Not der Schwachen kümmern, zeugt entweder von Ahnungslosigkeit oder zählt wiederum zu jener Form von Irreführung von der Art »die Kirchen tun ja so viel Gutes«.

    3. Trotzdem möchte ich festhalten: Mich trennt sehr viel von den intellektuellen Zumutungen des christlichen Glaubens und dem anmaßenden politischen Anspruch der Kirchen. Mich trennt schon sehr viel weniger von einem engagierten Kirchenmann, der Nächstenliebe und Solidarität mit Schwachen und Benachteiligten tatsächlich praktiziert. Denn je mehr er sich um Menschen in Bedrängnis und Leid kümmert, umso weniger hat er Zeit und Anlass, biblische Legenden zu verkünden. Mich verbindet viel mit einem einfachen Kirchenmitglied, dessen Bekenntnis zwar darin besteht, ganz allgemein an den lieben Gott zu glauben, dessen Bemühen sich ansonsten im Wesentlichen darin ausdrückt, ein »guter Christ« sein zu wollen, was aber meist nur heißt, dass er ein im moralisch-ethischen Sinn guter Mensch sein will. Insofern folgt er einfach der »Stimme seines Herzens«. Was ich etwas pathetisch als »Stimme des Herzens« bezeichne, ist für mich das Ergebnis einer biologischen, sozialen und kulturellen Evolution, der Versuch, Egoismus und Selbstlosigkeit, Trieb und Vernunft ins Gleichgewicht zu bringen. Mit Religion hat das herzlich wenig zu tun.

    Gefällt mir

  3. Ohne Kirchen gäbe es die sozialen Einrichtungen in diesem Umfang gar nicht. Sonst wären nicht so viele in kirchlicher Trägerschaft. Wer nicht ur poleisiert, sondern auch mal nachdenkt wird darauf kommen, daß es gläubige Kreise der Inneren Mission waren, die diese Einrichtungen hochgezogen haben. Auch wenn der Staat heute die (Mehrheit der) Kosten trägt, kommt der ganze Kickoff aus dem kirchlichen Bereich. Aus atheistischen Kreisen – Atheisten soll es ja auch „schon immer“ gegeben haben – kam nichts dergleichen. Also liebe Atheisten: Erst mal besser machen, dann wirkt die Kritik nicht mehr so billig.

    Gefällt mir

  4. Interessante Entwicklung, wenn sie denn zutreffend in diesem Artikel beschrieben wird. Ich bin jedenfalls skeptisch, ob sich da schon ein relevanter Trend abzeichnet. Sollte diese angebliche vorsichtige Rückzugsbewegung mit dem Vertrauensverlust der Kirchen zusammenhängen und Politiker befürchten müssen, dass ihnen eine allzu große Nähe zur Kirche schaden könnte? Die Kirchen ziehen sich erst wirklich aus der Politik zurück, wenn sie ihre Vormachtstellung und ungerechtfertigten Privilegien in den staatlichen und privaten Rundfunk- und Fernsehanstalten aufgäben, keine ihnen willfährig ergebenen Politiker in die Parteispitzen bugsierten, wenn sie auf die vielfältigen Formen finanzieller Unterstützung durch den Staat freiwillig verzichteten, ihren massiven Einfluss auf die Auswahl der Kandidaten für die höchsten Richterämter unterließen, überhaupt die kaum noch zu überblickenden Verquickungen zwischen Kirche und Staat lösten. Zu Letzterem siehe den Artikel in der Zeitschrift Cicero und meinen Kommentar dazu:

    http://www.cicero.de/salon/religion-hat-der-politik-nichts-verloren/52926

    Von den heute maßgebenden Kirchenpolitikern wäre eine solche Entwicklung mit großer Sicherheit nicht zu erwarten. Wenn ein Bischof Overbeck hier Schalmeientöne vernehmen lässt, dann sollte man sich seiner Unredlichkeit und Verschlagenheit, die er bisher gezeigt hat, immer mal wieder erinnern. Zum Beispiel entsinne ich mich eines Fernseh-Disputs zwischen Overbeck und Phil Möller, gbs-Pressereferent, wobei es um die angeblichen »sozialen Wohltaten der Kirche« ging, etwa in den Sozialstationen und Krankenhäusern. Als Möller auf deren fast vollständige Finanzierung durch Staat und Sozialkassen verwies und Overbeck damit der bewussten Irreführung bezichtigte, wurde dieser völlig verlegen und konnte sich in seiner Bedrängnis nur dadurch retten, dass er verkündete, auf »diesem Niveau« nicht mehr mit ihm, Möller, zu diskutieren.

    Gefällt mir

Kommentare sind geschlossen.