Reichskonkordat: Warum die Kirche mit den Nazis einen Pakt schloss


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Vor 80 Jahren schlossen die katholische Kirche und Hitler-Deutschland den ersten völkerrechtlichen Vertrag des Dritten Reiches. Der Zeithistoriker Thomas Brechenmacher erklärt, wie es dazu kam.

Von Sven Felix KellerhoffDIE WELT

Es war der erste außenpolitische Erfolg der Regierung Hitler: Am 20. Juli 1933 unterzeichneten Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli, ab 1939 Papst Pius XII., und Vizekanzler Franz von Papen in Rom das Reichskonkordat zwischen dem Vatikan und Deutschland. Es beendete formal die jahrzehntelangen Auseinandersetzungen des preußisch-protestantisch geprägten deutschen Nationalstaates und der übernationalen katholischen Kirche. Gut zwei Wochen vor der Unterschrift unter das Konkordat hatte sich die Deutsche Zentrumspartei, seit 1870 die entscheidende Kraft des politischen Katholizismus, selbst aufgelöst. Seit vielen Jahren schon forscht der Historiker Thomas Brechenmacher über die Umstände dieses Reichskonkordats. Der Professor für Neuere Geschichte an der Universität Potsdam hat persönlich die Unterlagen im berühmt-berüchtigten „Geheimarchiv“ des Vatikan gesehen und ausgewertet.

Die Welt: Was war das Reichskonkordat nun wirklich – Hitlers Dank für die Zustimmung der Zentrumspartei zum Ermächtigungsgesetz vier Monate zuvor? Oder der Versuch, der katholischen Kirche in Deutschland eine formalrechtliche Grundlage für die Abwehr des nationalsozialistischen Totalitätsanspruchs zu geben?

Thomas Brechenmacher: Eindeutig Letzteres. Um mit Konrad Repgen zu sprechen: Das Reichskonkordat war die „vertragsrechtliche Form der Nichtanpassung der Katholischen Kirche an das Dritte Reich“. Dagegen hat die Zustimmung der Zentrumspartei zum Ermächtigungsgesetz mit dem Reichskonkordat nichts zu tun. Schon gar nicht war das Reichskonkordat ein „Geschenk Hitlers“, sondern ein von beiden Seiten äußerst hart verhandelter völkerrechtlicher Vertrag.

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4 Comments

  1. Lach! Laut Geschichtsverdreher Thomas Brechenmacher war das Reichskonkordat die „vertragsrechtliche Form der Nichtanpassung der Katholischen Kirche an das Dritte Reich“.
    Im Gegenteil war es die freiwillige „Gleichschaltung“! Bis 1933 waren NSDAP-Mitglieder u.U. von den Sakramenten ausgeschlossen, es war verboten, in SA-Uniform eine Kirche zu betreten, usw.
    (jedes Land hielt es etwas anders). Doch gleich nach dem Ermächtigungsgesetz, das nur „dank“ dem Votum der kathol. Zentrumspartei zustande kam, wurden alle Bedenken zertreut; die „Kundgebung der deutschen Bischöfe“ vom 28.3.1933 erklärte die „Aufhebung der Allgemeinen Verbote und Warnungen“. In Artikel 16 des Reichkonkordats werden die dt. Bischöfe angehalten, einen unbedingten! Eid auf Hitler und das Dritte Reich abzulegen.
    Damit wäre die Zentrumspartei ohnehin überflüssig geworden, war doch Widerstand von höchster Ebene untersagt. Und erst damit waren auch kathol. Widerstandskämpfer für „vogelfrei“ erklärt, gewollt bot ihnen keine kirchl. Institution mehr Schutz, im Gegenteil handelten sie nun dem „Konkordatsgeist“ zuwider.
    Und dieser Geist wehte von seiten der beiden Hauptakteure Bischof Kaas und Pacelli alias Pius XII., des Teuf … äh, Hitlers Papst!

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  2. @emporda

    Prälat Kaas von der Bonner Uni wurde zum Dank für seinen Betrug am Volk der rheinischen Katholiken und die Einfädelung dieses kalten Staatsstreichs durch den späteren Pius XII. in den Vatikan geholt, um ihn vor möglicher Strafverfolgung wegen Hochverrats daheim zu schützen. Diesen rechtsfreien Raum hat er auch nie mehr verlassen.

    Durch seine Beerdigung im Petersdom sollte der Raub seiner sündigen Seele durch den Teufel liturgisch verhindert werden…….leider kannte Dante den rheinischen Prälaten noch nicht, der hätte ihm in seiner Göttlichen Kommödie einem „bevorzugten“ Platz in der Hölle zugewiesen….. 😉 😉

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  3. Im Vorkriegs-Deutschland waren 95% Christen sowie nach 1933 etwa 10% in der NSDAP, aber 50% der Lehrer und Priester/Pfarrer waren ohne Zwang NSDAP Mitglieder. Den Kirchen ging einzig um Macht und Geld, die propagierten Werte des Christentums waren denen damals so scheißegal wie heute. Zwei unterschiedliche Verbrecherkartelle hatten sich gesucht und gefunden.

    Der RKK Priester, Trierer Reichtagsabgeordneter und Vorsitzender der Zentrumspartei Dr. Dr. Ludwig Kaas sorgt 1933 im Reichstag für die Annahme des Ermächtigungs-Gesetzes der NSDAP. Damit hat Adolf Hitler eine Blankovollmacht Gesetze zu drucken wie es gefällt. Die RKK ehrt seinen Vorkämpfer für Ermächtigungsgesetz und Reichskonkordat durch ein Grab im Petersdom.

    Adolf Schicklgruber aus einer Familie mit schizophrener Auffälligkeit bekennt sich als Katholik: „Zunächst stehen heute an der Spitze Deutschlands Christen und keine internationalen Atheisten. Ich rede nicht vom Christentum, sondern ich bekenne, dass ich mich auch niemals verbinden werde mit solchen Parteien, die das Christentum zerstören wollen“. Er bewundert die RKK: „Bis jetzt hat es nie etwas Großartigeres auf Erden gegeben, als die hierarchische Organisation der katholischen Kirche. Ich übertrug viel von dieser Organisation in meine eigene Partei. Was die Juden betrifft, führe ich nur dieselbe Politik fort, die die katholische Kirche sich seit 1500 Jahren angeeignet hat, indem sie Juden als gefährlich beurteilte und sie in Gettos etc. verstieß, weil sie wusste, wie die Juden seit jeher wirklich waren“

    Der Jesuitenpater Stempfle war der Ghostwriter von Hitlers Buch „Mein Kampf“ und wurde ermordet. Bischof Clemens August Graf von Galen als RKK Widerstandsheld, huldigt 1942 der NS-Politik: „aber auch zur besonderen Ehrung, die wir unseren gefallenen Kriegern schulden. … Sie wollten in einem neuen Kreuzzug mit dem Feldgeschrei ‘Gott will es’ den Bolschewismus niederringen, wie es vor wenigen Tagen der spanische Befreier Franco in einer Rede zu Sevilla mit christlicher Zielsetzung rühmte….“ Kardinal Adolf Bertram schleimt 1933 in vorauseilender Demut dem GRÖFAZ: „Der Episkopat aller Diözesen Deutschlands hat, wie die öffentlichen Kundgebungen erweisen, soweit es nach der Neugestaltung der politischen Verhältnisse durch Eurer Exzellenz (Hitler) Erklärungen ermöglicht wurde, sogleich die aufrichtige und freudige Bereitwilligkeit ausgesprochen, nach bestem Können zusammenzuarbeiten mit der jetzt waltenden Regierung, die die Gewährleistung von christlicher Volkserziehung, die Abwehr von Gottlosigkeit und Unsittlichkeit, den Opfersinn für das Gemeinwohl und den Schutz der Rechte der Kirche als Leitsterne ihres Wirkens aufgestellt hat.“

    Auf Drängen der RKK verbietet die NSDAP alle Freikirchen. Adolf Hitler erklärt per Reichstagrede 1933 den Vollzug, alle Atheisten sind ausgerottet. Der Vorsitzende des Freidenker-Verbandes Max Sievers stirbt 1944 im Zuchthaus. Die Nürnberger Gesetze von 1935 und die Reichspogromnacht von 1938 begrüßen die Amtskirchen jubelnd so wie die Deportationen der Juden ab 1941. Das Reichsbürgergesetz erlaubt es Bürger des Landes ohne Gerichtsverfahren zu entrechten, Behinderte, Sinti, Roma, Juden als rassisch Minderwertige auszurauben, wie bereits von Martin Luther als Prophet der Christen gefordert.

    Der evangelische Landesbischof und NSDAP-Mitglied August Marahrens zerstreut 1936 Zweifel an der Hitler-Treue „Wir wiederholen es an dieser Stelle ausdrücklich, dass wir unzählige Male seit dem Anbruch unseres nationalsozialistischen Staates öffentlich und feierlich erklärt haben: daß wir in Opferbereitschaft und Treue für diesen Staat einzutreten bereit sind. …Es ist also bis auf diese Stunde die Verdächtigung politischer Unzuverlässigkeit unbegründet und, von wo aus sie auch versucht werden sollte, nachdrücklich und feierlich abzuweisen.“

    Die Führer der evangelischen Landeskirchen erklären 1941: „Als Glieder der deutschen Volksgemeinschaft stehen die unterzeichneten deutschen Evangelischen Landeskirchen und Kirchenleiter in der Front dieses historischen Abwehrkampfes, der u.a. die Reichspolizeiordnung über die Kennzeichnung der Juden als der geborenen Welt- und Reichsfeinde notwendig gemacht hat, wie schon Dr. Martin Luther nach bitteren Erfahrungen die Forderung erhob, schärfste Maßnahmen gegen die Juden zu ergreifen und sie aus deutschen Landen auszuweisen.“

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  4. Wie die RKK zu den Nazis stand lässt sich vielleicht auch mit dem Stichwort „Rattenpfade“ beschreiben:
    Wenn es beim Reichskonkordat nur darum gegangen wäre, die eigene Organisation und die Leben der Mitglieder zu beschützen, wäre es unnötig gewesen, hochrangigen Nazis nach Kriegsende aktiv bei der Flucht nach Lateinamerika zu helfen.

    Wahrscheinlicher ist aber, dass eine Kirche kein homogener Einheitsbrei ist. Es gibt unter Führungskräften, Mitgliedern und Regeln immer Elemente, welche idealistisch, ideologisch, faschistisch, gemäßigt, extremistisch oder was auch immer sein können.

    Einige betrachteten das Wirken der Nationalsozialisten wohl mit Sorge um alle Betroffenen. Andere erhofften sich vielleicht tatsächlich eine totale Auslöschung der verhassten Juden.

    Die Organisation selbst ist jedoch nur eine Zusammenrottung all dieser Menschen mitsamt ihrer Gesinnungen. Dennoch bleiben Individuen immer noch Individuen, die ihre eigenen Interessen verfolgen.

    Ob der Unterschied zwischen religiös oder nicht religiös bedeutet dabei kaum mehr als Indizees, die Schnittmengen willkührlich trennen. Ebenso der Unterschied zwischen nicht konfessionell, katholisch oder evangelisch.

    Das Beschimpfen der jeweils anderen Gruppen, die gegenseitigen Anschuldigungen über Mittäterschaft, dient einzig und allein dazu, den Zusammenhalt der eigenen Gruppe und das eigene Zugehörigkeitsgefühl zu dieser zu stärken. Abgrenzung war schon immer der stärkste Kleber für den Zusammenhalt einer Gruppe.

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