Alternativlosigkeit ist eine Religion


Papyrus aus dem ältesten Evangelium, dem Thomasevangelium aus dem 1945 entdeckten Nag Hammadi Codex. Bis zu diesem Jahr war die Kreuzigung „alternativlos“.
Was verbindet die Kreuzigung Christi mit dem Euro-Rettungsschirm?
Von der Kreuzigung Christi und dem Euro-Rettungsschirm wird Gesundung und Erlösung erhofft. Aber beide gelten bei ihren Befürwortern auch als „alternativlos“, was heißt: Sie sind indiskutable Vorgänge. Und sie sind indiskutabel, weil es zu ihnen keine zu debattierenden Gegenvorschläge gibt. Warum auch über etwas streiten, wozu es keine Alternative gibt?

Von Alexander DillTELEPOLIS

Der Euro-Rettungsschirm als alternativlose Basis der Schuldenpolitik

Im September 2011 hatten die Abgeordneten des Deutschen Bundestages über eine Erhöhung der Mittel für die EFSF (European Financial Stability Facility) von 440 auf 780 Milliarden Euro abzustimmen. Der Gesetzentwurf 17/6916 bot nur zwei Seiten Erläuterung. Auf Seite 2 fand sich unter Punkt „C“ das magische Wort: „Alternativen: keine“

Screenshot vom Gesetzentwurf 17/6916 des Deutschen Bundestages vom 05.09.2011 auf Seite 2.

Bemerkenswert auch die Aussage einige Sätze später, dass die mittelbaren Auswirkungen des Beschlusses „nicht bezifferbar“ seien. Wie kann ein Beschluss alternativlos sein, dessen Auswirkungen nicht einmal berechenbar sind? Da es aber zu ihm bekanntlich keine Alternativen gibt, kann man sich in der Tat den lästigen Vergleich von Szenarien sparen.

Erste Lehre: Alternativlosigkeit verlangt den tiefen Glauben von allen Beteiligten, dass die einzige Lösung zugleich auch die richtige ist. Hätten Gerhard Schröder und Joschka Fischer nicht bei der Beurkundung ihrer ersten, zumindest aber ihrer zweiten Ehe wissen können, dass diese doch kein alternativloser und daher möglicherweise kein ewiger Bund fürs Leben ist?

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