Plastikmüll: Fertig zum Entern!


Plastikmüll in allen Tiefen. Auch in arktischen Gewässern fanden Forscher des Alfred-Wegener-Instituts überraschend viel Plastikmüll – wie diese Tüte. Oft wird der Abfall jedoch kleingemahlen und driftet in Form winziger Partikel durch die Meere. Bild: Alfred Wegener-Institut

 

Plastikmüll im Meer war lange vor allem wegen seiner Risiken für Seevögel und Schildkröten bekannt. Für viele Organismen aber bietet er auch neue Lebensräume und Reisemöglichkeiten – mit schwer abschätzbaren ökologischen Folgen.

Von Kerstin VieringSpektrum.de

Ein Lebensraum kaum größer als ein Stecknadelkopf, und doch lockt er massenweise Bewohner an. Die unzähligen kleinen Plastikteilchen, die als Zivilisationsmüll in den Weltmeeren treiben, scheinen ein echtes Dorado für Bakterien zu sein. Erik Zettler von der Sea Education Association im US-amerikanischen Woods Hole und seine Kollegen staunten jedenfalls nicht schlecht, als sie solche Partikel mit feinen Netzen aus dem Nordatlantik fischten und unter die Lupe nahmen [1]. Per Elektronenmikroskop und Erbgutanalyse fanden sie darauf mindestens tausend verschiedene Typen von Bakterienzellen – darunter zahlreiche Arten, die sie erst noch identifizieren müssen. Offenbar hat eine vielfältige Crew von Mikroorganismen die winzigen Kunststoffflöße geentert und schippert nun damit über den Ozean. Und diese exzentrische Besatzung unterscheidet sich deutlich von den Lebensgemeinschaften des ringsum schwappenden Meerwassers.

Überall Plastik

Diese Erkenntnisse liefern ein paar neue Mosaiksteine für das Bild, das sich Forscher von den Folgen des Kunststoffbooms im Meer machen. Von den weltweit rund 245 Millionen Tonnen Plastik, die derzeit pro Jahr produziert werden, sollen schätzungsweise mehr als zehn Prozent in den Ozeanen landen. Der Müll wird von Schiffsbesatzungen über Bord geworfen und an den Küsten achtlos im Gelände verteilt, er kommt mit Flüssen aus dem Inland und mit dem Wind von Mülldeponien. „Alles, was ungesichert irgendwo herumliegt, kann früher oder später im Meer auftauchen“, sagt Lars Gutow vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven. Mit der Zeit wird das Material zwar oft zu winzigen Partikeln zerrieben, es verschwindet aber nicht. Und mit den Meeresströmungen reist es um die Welt. Plastikfreie Ozeanregionen dürfte es kaum noch geben.

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