„Eine Welt ohne absichtliche Schöpfung ist im Grunde sinnlos“


Bild: hippo by swatts
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Der Diplom-Ökonom Robert Grözinger geht in seinem Buch Jesus, der Kapitalist – Das christliche Herz der Marktwirtschaft davon aus, dass die Schriften des Alten und Neuen Testaments für eine gedeihliche Entwicklung unserer Gesellschaft unabdinglich sind. Den Sozialismus hält er hingegen für das Sinnbild menschlicher Hybris.

Teil 2
Von Reinhard Jellen – TELEPOLIS

In der Befreiungstheologie gibt es Theologen, die behauptet haben, dass das Christentum mit dem Sozialismus kompatibel sind – haben diese Menschen die Bibel falsch interpretiert?

Robert Grözinger: Es ist eher umgekehrt: Christen, die Sympathien für den Sozialismus aufbringen, haben den Sozialismus falsch interpretiert, oder seine Grundzüge nicht verstanden. Es ist eigentlich erstaunlich, dass nicht wenige Christen für ein Ideengebäude eintreten, dessen wichtigste Gründungfigur „Religion“ als „Opium für das Volk“ verunglimpfte. Es ist ein Ideensystem, das im Grunde davon ausgeht, dass der Mensch in der Lage ist, wahlweise das Paradies oder den Himmel im Diesseits zu schaffen, und das ganz ohne Gott. Im Grunde eine eigene Religion, manche würden sogar sagen eine christliche Häresie.

Ich vermute, so mancher Befreiungstheologe ist in Wahrheit in erster Linie ein Sozialist, der die Kraft der christlichen Religion in Lateinamerika für die Förderung seines eigenen, nicht-christlichen Gesellschaftsentwurfs nutzen will. Seit Antonio Gramsci wissen Sozialisten, dass ihr größtes Hemmnis auf dem Weg zum sozialistischen Paradies die bürgerliche Kultur, die bürgerlichen Werte und hier wiederum insbesondere die christliche Religion ist. Diese gilt es seither ihrerseits zu unterwandern, auszuhöhlen und zu verfälschen. So gesehen haben die Befreiungstheologen die Bibel nicht falsch, sondern sehr richtig interpretiert – als zu überwindendes Hindernis.

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4 Comments

  1. Es gibt keine wie auch immer geartete Moral, die ein harmonisches Zusammenleben sowohl untereinander als auch mit der Natur von mehr als 150 Menschen ermöglicht, denn nur bis zu dieser Grenze können sich alle noch gegenseitig kennen. Bleibt aber die Arbeitsteilung auf 150 Menschen beschränkt, gibt es keine Weiterentwicklung. Darum verharrte der Homo sapiens über einen Zeitraum von etwa 150.000 Jahren auf dieser Stufe des Urkommunismus, der alles andere als ein “paradiesischer Zustand” ist, sondern nur das nackte Überleben.

    Für eine kulturelle Weiterentwicklung muss die Arbeitsteilung auf deutlich mehr als 150 Menschen ausgeweitet werden. Dazu ist die Solidarität ungeeignet, denn niemand ist mit anderen solidarisch, die er nicht kennt. Die einzige Motivation und – weil in den Anfängen der Kulturentwicklung das Wissen noch fehlte – auch die einzige Möglichkeit für eine koordinierte Arbeitsteilung zwischen vielen tausend bis zu einigen Millionen war zunächst die Machtausübung des Menschen über andere Menschen oder Menschengruppen. Dazu erfand der Kulturmensch die Götter: durch Schöpfungsmythen im kollektiv Unbewussten einprogrammierte, künstliche Archetypen, um aus Menschen willige “Arbeitsameisen” (Untertanen) zu machen. Eine solche frühe Kultur, eine zentralistische Planwirtschaft noch ohne liquides Geld (Ursozialismus bzw. Staatskapitalismus), war z. B. das vorantike Ägypten der Pharaonen, in der der einfache Arbeiter noch kein selbständig denkender Mensch war, sondern ein beliebig austauschbarer Leibeigener des Pharao. Der einfache Arbeiter dachte sich aber nichts dabei, verrichtete die ihm zugewiesene Arbeit und ließ sich mit einem Häufchen Getreide pro Tag füttern, denn er hatte keine Vergleichsmöglichkeit. Aufgrund der Programmierung seines Unterbewusstseins war er nicht in der Lage, sich ein anderes und besseres Leben, das er hätte begehren können, überhaupt vorzustellen.

    Das Bewusstsein des Menschen arbeitet mit Worten und Zahlen, das Unterbewusstsein mit Bildern und Metaphern. Das Unterbewusstsein lässt sich programmieren und damit der Kulturmensch durch selektive geistige Blindheit an eine noch fehlerhafte Makroökonomie anpassen, indem elementare makroökonomische Zusammenhänge mit archetypischen Bildern und Metaphern exakt umschrieben und diese dann mit falschen Assoziationen und Begriffen verknüpft werden, an die der Untertan glaubt. Der Glaube an die falschen Begriffe erzeugt eine geistige Verwirrung, die es dem Programmierten so gut wie unmöglich macht, die makroökonomische Grundordnung, in der er arbeitet, zu verstehen; noch weniger kann er über die Makroökonomie, die in den Grundzügen seine Existenz bestimmt, hinausdenken. Diese Technik, die in früheren Zeiten – etwa bis zum 6. vorchristlichen Jahrhundert – noch eine exakte Wissenschaft war und die nur von eingeweihten Oberpriestern betrieben werden durfte, nennt sich “geistige Beschneidung von Untertanen”, bzw. Religion = Rückbindung auf künstliche Archetypen im kollektiv Unbewussten. Auch das, was heute “moderne Zivilisation” genannt wird, entstand aus der Religion:

    Macht oder Konkurrenz

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  2. Diplom Ökonom? 😉 Jeder Jeck ist eben anders 😉 Eine wichtige Frage bei der Ökonomie von Nadelspitzen ist bisher ungelöst „Wieviel Engel können eigentlich auf einer Nadelspitze tanzen? „. 🙂 ….. Der 11.11 um 11:11 ist nicht mehr fern…. helau und alaaf … 😉

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  3. „Eine Welt ohne absichtliche Schöpfung ist im Grunde sinnlos“. (Witzig, naive Erkenntnis.) Über den Sinn der Welt sinnieren die Menschen seit jeher. „Wissen“, tun nur die Religioten den wahren Sinn.
    -Wir dagegen haben´s schwer. Denn wir wissen nur so ungefähr, woher, jedoch die Frommen wissen gar, wohin wir kommen ! Wer glaubt, weiß mehr-
    (frei nach Erich Kästner)

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  4. Wenn Sinn etwas ist, was nur von einer höheren Macht verliehen werden kann, ist die sinnloseste vorstellbare Existenz die von Gott. Er hat keine höhere Macht, die ihm einen Sinn geben könnte.

    Das Problem ist dasselbe wie bei der Moral: Es gibt keine Moral, wenn diese aus Befehlen einer höheren Macht besteht, die man nur zu befolgen hat. Es gibt auch keinen Sinn, wenn dieser von einer höheren Macht verordnet wird. Moral und Sinn kann es nur geben, wenn diese aufgrund autonomer Entscheidungen zustande kommt.

    Dass das Universum „an sich“ sinnlos ist, ist die Voraussetzung dafür, dass wir unserem Leben einen Sinn geben können.

    Beispiel: Wir sind dazu gezwungen, zu atmen, zu essen und zu trinken. Gibt uns dieser Vorgang daher einen Sinn im Leben? Ist der Sinn unseres Lebens, zu atmen, zu essen und zu trinken, um zu überleben (nicht des Genusses wegen, des Überlebens wegen)?

    Die Frage nach dem Sinn wird oft ebenso falsch verstanden wie die Frage nach der Moral. Die Frage wird verständlich, wenn man sie aufspaltet, sie enthält eigentlich drei Fragen:

    1. Was ist das Ziel Deines Lebens?
    2. Was ist der Zweck Deines Daseins?
    3. Was ist der Wert Deines Lebens?

    Wenn andere Dein Ziel definieren, bist Du ein Sklave. Wenn andere Deinen Zweck definieren, bist Du ein Sklave. Wenn andere über den Wert Deines Lebens befinden, bist Du ein Sklave. Es spielt keine Rolle, wer das darüber bestimmt, wenn Du es nicht selbst tust, hat Dein Leben keinen Sinn. Dann bist Du eine Schachfigur, ein fremdbestimmter und ferngelenkter Roboter, ein Sklave, eine Maschine.

    Wie gut, dass die Natur, das Universum, uns keinen Sinn vorgibt! Das ist die Basis, unserem Leben einen Sinn zu geben – nur müssen wir das selbst tun.

    Man kann sich von anderen dazu anregen lassen, aber die Entscheidung liegt bei einem selbst. Dann kann man selbst dem Essen einen Sinn geben, aber der ergibt sich nicht aus der Tatsache, dass wir essen müssen, um überleben zu können.

    Es ist auch wichtig, dass nicht jeder denselben Sinn im Leben sieht wie alle anderen. Wenn man das Ziel hat, Feuerwehrmann zu werden, warum sollten alle anderen dasselbe Ziel haben? Das wäre ausgemachter Blödsinn!

    Außerdem: Es ist vollkommen unmöglich, keinen Sinn im Leben zu haben. Wenn man denkt, man habe keinen Sinn im Leben, dann ist das der Ansporn dazu, herauszufinden, welchen Sinn man seinem Leben geben will. Wenn man das nicht kann, dann ist man behandlungsbedürftig (depressiv). Die Kur besteht nicht darin, dem Klienten einen Sinn aufzuzwingen oder vorzugeben, sondern ihm zu helfen, selbst einen für sich zu finden. Das Christentum ist keine Kur für Sinnlosigkeit, sondern ein Mittel, das Leben selbst fremdbestimmt und damit sinnlos zu machen. Aus dieser „Kur“ erwächst überhaupt erst das Problem. Man könnte auch sagen: Christentum ist die Krankheit, deren Heilung es vorgibt, zu sein (zumindest, was die Sinnfrage angeht).

    Wenn alles einem „göttlichen Plan“ unterliegt, dann ist nicht nur das Universum sinnlos – damit kann man gut leben – sondern das eigene Leben ist es. Man degradiert sich selbst zu einer Schachfigur. Aber selbst dann kommt man um ein Stück Autonomie nicht herum: Man muss sich selbst dazu entscheiden, seinen Sinn wegzuwerfen. Und selbst in dieser Entscheidung, wenn sie frei erfolgte, steckt ein Stück eigener Sinn. Es ist also nie ganz hoffnungslos!

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