Christlicher Anarchismus: Das Prinzip Verantwortung


Der Anspruch dieses Bandes wird im Beitrag des Herausgebers Kalicha zu den „Dimensionen libertärer Exegese“ mit einem Zitat des französischen Philosophen Jacques Ellul deutlich: „Es wird als selbstverständlich angesehen, dass AnarchistInnen allen Religionen … feindlich gegenüber stehen. Es wird ebenfalls als selbstverständlich angesehen, dass gläubige ChristInnen die Anarchie, als Chaos und als Negation etablierter Macht, verabscheuen. Es sind diese simplifizierten und unbestrittenen Annahmen, die ich beabsichtige in Frage zu stellen.“ (S. 13)

Von Thorsten WegauSopos

Kalicha zeigt auf, dass die historische Feindschaft zwischen Anarchismus und Christentum auf der Instrumentalisierung des Christentums seit seiner Erhebung zur Staatsreligion Ende des vierten Jahrhunderts beruht. All die Scheußlichkeiten, die im Namen des Christentums danach bis in die heutigen Tage begangen wurden und werden – sind sie wirklich auf das Wesen des Christentums zurückzuführen? Dagegen lässt sich zunächst einwenden, dass gegen das Staatskirchentum immer auch häretische Bewegungen standen, die die subversiven, herrschaftskritischen und egalitären Impulse der jesuanischen Lehren und Bewegung aufnahmen, weitertrugen und so zum Ausgangspunkt für humanistische und revolutionäre gesellschaftliche Impulse wurden. Ein interessanter Beitrag dazu findet sich in dem Aufsatz von Kalicha und Gustav Wagner über „Peter Chelcicky und das Netz des Glaubens“ aus der Zeit der Hussitenkriege. Und mit Leo Tolstoi finden Christentum und Anarchismus sich in einer neuzeitlichen Synthese zusammen, deren Bedeutung bis in aktuelle soziale Bewegungen hinein nicht unterschätzt werden können. Es sind solche Unterströmungen und versteckte Pfade, die die oberflächlichen Feindschaften untertunneln und zu interessanten und durchaus erfolgreichen Bewegungen führen. So sind die demokratischen und auf dem Konsensprinzip beruhenden inneren Verkehrsformen der Occupy Wall Street-Bewegung durch die Erfahrungen der Quäker bereichert worden, wie David Graeber an einer Stelle seiner Analyse dieser Bewegung herausarbeitet. Die Quäker wiederum wurzeln in den englischen Revolutionskirchen des 17. Jahrhunderts, deren Theologie auf deutschen Theologen der Mystik wie Sebastian Frank, Johannes Denck und Jacob Böhme fußt. Gustav Landauer hat die deutsche Mystik durchaus als subversiv und als Weggefährtin für sein libertäres Denken geschätzt.

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