Schisma 2013: Ora et labora


Benedikt von Nursia: „Ora et labora et lege.“ Bild: Gerd A.T. Müller/CC-BY-SA-3.0
Die Genese des Kapitalkultes ist eng mit der Geschichte des Christentums verwoben. Kapitalismus als säkularisierte Religion – Teil2

Von Tomasz KoniczTELEPOLIS

Kein Gegensatz scheint krasser als der zwischen Kapitalismus und Christentum. In ihren Repliken auf die Kapitalismuskritik des Papstes, die sein apostolisches Schreiben Evangelii Gaudium bestimmt, haben die meisten Kapitalismusapologeten gerade diese scheinbaren Abgründe zwischen Kapital und Vatikan betont (siehe Teil 1: Das Schisma von 2013).

Die ungeheure Wachstumsdynamik des Kapitals wird dann gerne der Statik der christlichen, mittelalterlichen Gesellschaften gegenübergestellt. Der christliche Blick auf das Jenseits, die damit einhergehende Selbstbeschränkung und Aufopferung um des ewigen Himmelreichs wegen, stehen der kapitalistischen Orientierung am Diesseits und dem egoistischen Streben nach Glück und Reichtum im Hier und Jetzt entgegen. Jeder könne danach streben, sein ganz persönliches Himmelreich auf Erden zu realisieren, wodurch langfristig die gesamte Gesellschaft profiliere – dies ist das Versprechen, das der Kapitalismus seinen Insassen gibt.

Und nicht zuletzt wird gerne die moderne Rationalität und Effizienz, auf der Wissenschaft und Wirtschaft beruhen, gegen den christlichen „Aberglauben“, gegen die religiöse Irrationalität in Anschlag gebracht. Die dynamische, von einer permanenten wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Umwälzung erfasste kapitalistische Gesellschaft erscheint so als das real existierende Erbe der Periode der bürgerlichen Aufklärung, mit der die Dämonen und die Wahngebilde des finsteren Mittelalters vertrieben sein sollten.

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