Wie das Mitleid erfunden wurde


Clément-Auguste Andrieux - La bataille de Waterloo (Public Domain)
Clément-Auguste Andrieux – La bataille de Waterloo (Public Domain)

Im 19. Jahrhundert rückte das Mitleid ins Zentrum des moralischen Empfindens. Drei Figuren veranschaulichen dies emblematisch: der verwundete Soldat, das arbeitende Kind und das gequälte Tier.

Neue Zürcher Zeitung – Ulrich Raulff

In die Geschichte der moralischen Empfindungen hat sich das 19. Jahrhundert mit einem besonderen Kapitel eingetragen, «Ruhm und Schande» lautet seine Überschrift. Es hat nämlich das Mitleid erfunden, und zwar nicht als eine schöne Tugend unter anderen, sondern als die Grundlage allen moralischen Empfindens und Verhaltens. Gewiss haben Menschen auch früher schon sich ihres unglücklichen Nachbarn erbarmt oder dem vom Schicksal Geschlagenen die Hand gereicht. Der barmherzige Samariter, die römische Caritas, Sankt Martin, der seinen Mantel teilt: Geschichte, Mythologie und Religion pflegen das Gedächtnis derer, die sich vom Elend ihres Nächsten rühren liessen. Insofern bringt das 19. Jahrhundert sicherlich nicht das Mitleid in die Welt, wohl aber gibt es ihm seinen fundamentalen Wert, und zwei der besten Autoren deutscher Sprache werden ihn bezeugen, angezogen der eine, abgestossen der andere. «Alle wahre und reine Liebe ist Mitleid», schreibt Arthur Schopenhauer, «und jede Liebe, die nicht Mitleid ist, ist Selbstsucht.» Friedrich Nietzsche seinerseits wird nicht müde werden, das Mitleid als die jüdisch-christliche Erfindung zu geisseln, durch die die Welt verkleinert und verhässlicht wurde.

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