Lange gekrümmte Nasen, Plattfüße aber große Lebenskraft


Der ewige JudeZu Beginn des 20. Jahrhunderts reklamierte das Deutsche Kaiserreich gern seine Führerschaft in nicht wenigen Gebieten akademischen Forschens. Um auf die Erkenntnisse und Errungenschaften ihrer Wissenschaft aufmerksam zu machen, bedienten sich die damaligen Deutschen u.a. ihrer nationalen Enzyklopädien. Mit Ersch Gruber, Pierer, Brockhaus, Meyer und Herder, um nur die wichtigsten zu nennen, verfügte ihr Land im 19. und 20. Jahrhundert über überdurchschnittlich viele für seriös gehaltene Lexika. Als weniger seriös muten allerdings heute so manche Einträge in diesen Kompendien der (Populär-) Wissenschaften an. Wir haben uns einmal den Eintrag „Juden“ im Meyer von 1905 vorgenommen…

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Meyers Konversations-Lexikon galt einst, und gilt in eingeweihten Kreisen heute noch, als ein bedeutendes, deutschsprachiges, allgemeinwissenschaftliches, enzyklopädisches Werk mit nicht geringem Nationalprestige. Als Deutscher war man, und ist es wohl zum Teil immer noch, stolz auf ‚seinen‘ Meyer.

Das erste Meyersche „Große Conversations-Lexicon für die gebildeten Stände“, benannt nach seinem Gründer Joseph Meyer, erschien zwischen 1839 und 1855, während die für diesen Beitrag ausgewählte 6. Auflage aus den Jahren 1902-1908 stammt. Fachleute schätzen just dieses, „Meyer’s Großes Konversations-Lexikon. Ein Nachschlagewerk des allgemeinen Wissens“ genannte Werk, gemeinsam mit zwei Auflagen aus dem Hause des Konkurrenten Brockhaus, als Höhepunkte der populären Enzyklopädie in deutscher Sprache ein. Meyer veröffentlichte übrigens sein letztes, 15 Bände umfassendes Lexikon (10. Auflage) in den Jahren 1981-1986, während eine aktualisierte Fassung von 2006 bis 2009 kostenlos online abrufbar war.

Über Juden haben Deutsche in der Vergangenheit eine Menge geschrieben; das meiste davon werden sie inzwischen wohl bereuen und würden sie, wenn sie es nur könnten, ungeschrieben machen. Der „Juden“-Eintrag aus dem Meyer des Jahrzehnts vor dem Ersten Weltkrieg gehört mit Sicherheit zu jenen Entgleisungen, auf die viele, ausgestattet mit dem Wissen von heute, inzwischen gerne verzichten würden.

Dabei ist dieser Eintrag gerade in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Denn er gibt nicht nur das Judenbild seiner Zeit detailliert und facettenreich wieder, sondern er lässt direkte und durchaus nachdenklich stimmende Rückschlüsse auf den Zustand bzw. die Verfassung der christlich-deutschen Mehrheitsgesellschaft seiner Zeit zu.

Das Stichwort „Juden“ widmet sich auffallend ausgiebig den Äußerlichkeiten jüdischer Menschen. Dabei gerät der Körperteil Nase, die angeblich so charakteristische Judennase also, nicht weniger als viermal in den Fokus der ein wenig chaotisch wirkenden Beschreibung von Juden bzw. deren „Rasse“: „Es kennzeichnen den Juden eine lange hakenförmig gekrümmte Nase…“ bzw. „mit … hakenförmiger aber fein gebildeter Nase…“ bzw. „dicke Nase“ bzw. „…und großer gebogener Nase (wie die Juden)“.

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