Chaosmathematiker Heinz-Otto Peitgen:“Vielleicht ist Gott das Loch im Schweizer Käse“


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Dieser Mann hat sein Leben der Unordnung gewidmet und wurde damit berühmt. Ein Gespräch mit dem Chaosmathematiker Heinz-Otto Peitgen über das Geheimnis der Leberchirurgie, die Fehler bei Auto-Crashtests und die Eichhörnchen im Baum der Wissenschaft

Ein Interview von Niels Boeing und Andreas LebertZEIT ONLINE

Wir treffen einen bestens aufgelegten Heinz-Otto Peitgen im Fraunhofer-Institut für Bildgestützte Medizin in Bremen, das er bis Ende 2012 leitete. Auf einem Bord neben dem Tisch stehen zwei eigenartige Objekte, die an Korallen erinnern.

ZEIT Wissen: Herr Peitgen, was für Skulpturen sind das?

Heinz-Otto Peitgen: Das sind Ausgüsse von Organen, rechts steht der Ausguss einer menschlichen Leber.

ZEIT Wissen: Und die haben mit Chaostheorie zu tun?

Peitgen: Ja, mit ihrer Hilfe ist uns eine außerordentliche Verbesserung der Leberchirurgie gelungen. Nehmen wir an, jemand hat einen Tumor in der Leber, den man herausnehmen will. Dafür muss man in Gefäßstrukturen hineinschneiden. Schneidet man zu viel heraus, wird die Leber schwer geschädigt. Wir haben Softwaresysteme entwickelt, die auf der fraktalen Geometrie beruhen, einem Teilgebiet der Chaostheorie, und mit denen können wir die Schädigung der Leber bei Chirurgiepatienten individuell vorhersagen. Das ist eine unserer schönsten Leistungen, die sehr viele Menschenleben gerettet hat. Übrigens auch in Japan, wo das Problem noch komplizierter ist.

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