Beschneidung: »Was tue ich da meinem Sohn eigentlich an?«


Matthias Franz, Bild: v-r.de
Der Bundestagsbeschluss vom 12.12.2012 und das Inkrafttreten eines neuen Beschneidungsgesetzes vom 28.12.2012 haben zu einer heftigen Debatte geführt. Religiös-dogmatische Setzungen, ungeprüfte Annahmen und Unterstellungen, heftige Polarisierung und zum Teil politische Instrumentalisierung haben diese Diskussion bestimmt.
Was nach dem Sturm jedoch folgen sollte, ist eine Zeit der Faktenwahrnehmung und des ruhigen Nachdenkens:
Aufklärung zu betreiben, ist das Anliegen dieses Buches!

Vandenhoeck&Ruprecht

Ein Interview mit Professor Matthias Franz.

Guten Tag, Herr Professor Franz! Sie sind Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychoanalytiker. Ist die Erfahrung von Beschneidung bei ihren männlichen Patienten tatsächlich ein Thema?

Ja, der Leidensdruck ist hoch. Einer meiner Patienten resümiert zum Beispiel: »Meine Beschneidung ist das Schlimmste, das man mir je angetan hat. Sie hat mein ganzes Leben beeinflusst.« Und ein anderer kommentiert: »Man wird vergewaltigt und kann es nicht vergessen.«
Es wird höchste Zeit, dass diese Patienten gehört werden, und dass man aufhört, die Augen zu verschließen vor den möglichen körperlichen, sexuellen und seelischen Langzeitfolgen, die ich in meiner Praxis erlebe und die auch empirisch belegt sind. Man muss als Arzt nur danach fragen, dann hört man nicht selten traurige Geschichten. Trotzdem herrscht – verglichen mit der berechtigten Empörung und Verurteilung der rituellen Verletzung weiblicher Genitalien – eine bemerkenswerte Verleugnungs­haltung und kollektive Empathieverweigerung gegenüber den kleinen Jungen. Das ist unreflektierten Traditionen geschuldet und Ausdruck des männlichen Rollenkäfigs, der Jungen und Männern immer noch schweigsame Härte abverlangt. Es ist traurig, dass man das heute noch betonen muss: Auch kleine Jungen werden durch die genitale Beschneidung großem Leid und bedeutenden Risiken ausgesetzt. Ein gesellschaftlicher Dialog kann nur entstehen, wenn die Erlebnisse der Betroffenen Gehör finden. Einer meiner Patienten erzählt in meinem Buch seine Geschichte. Es ist ein erschütternder Erlebnisbericht…

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1 Comment

  1. Diese globale, englischsprachige Selbsthilfegruppe „Juden gegen Beschneidung“ hat auf ihrer Homepage alle (!) Argumente gegen diese barbarische, gefährliche, kinderrechtswidrige Folklore am Säugling zusammengetragen. Sie ähneln stark den Argumenten dieses Facharztes – gehen aber darüber noch hinaus, weil sie die Beschneidung auch historischen und aus religiösen Gründen ablehnen. 😉

    http://www.jewsagainstcircumcision.org/

    Überraschend, dass unser „Zentralrat“ mit diesen aufgeklärten Menschen überhaupt nichts gemein zu haben scheint. Sie argumentieren englischsprachig einleuchtend, ein Volk mit soviel Nobelpreisträgern, sei auch schlau genug, diese blutige Folklore am Säugling, als nicht mehr zeitgemäss zu erkennen. 🙂

    Mindestens bei der Anhörung im Bundestag im Jahre 2012 hätten „unsere ZentralenJuden“ den Bundestag auf abweichende jüdische Meinungen zum bronzezeitlichen Beschneidungswesen, hinweisen müssen…auch wenn sie es nicht übers Herz gebracht hätten, diese abweichende Meinung fair darzustellen…dem Bundestag eine getrennte Einladung dieser jüdischen Gruppe vor Abschluss des Gesetzes zur Freigabe der Säuglingsbeschneidung raten müssen. 😉
    Jetzt ensteht der Eindruck, bei der Anhörung der Abgeordneten sei es nicht mit rechten Dingen zugegangen. 😉

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