Die Kirche und die Kriegslust von 1914


Foto: epd-bild/Steffen Schellhorn
„Gott mit uns“ stand 1914 auf den Fahnen und Gürteln der deutschen Soldaten. Als sie in den Ersten Weltkrieg zogen, war die evangelische Kirche ein Teil der begeisterten Massen – 100 Jahre später ist das kaum denkbar. Der Berliner Kirchenhistoriker Christoph Markschies spricht über den langen Weg des Protestantismus hin zu einem kritischen Verhältnis zu Krieg und Militär.

Von Thomas Schillerevangelisch.de

Nach dem Beschluss zur Mobilmachung am 1. August stimmten tausende Menschen, die vor das Berliner Schloss geströmt waren, „Nun danket alle Gott“ an. War damals noch Protestantismus gleichzusetzen mit Patriotismus?

Markschies: Religion ist ja nie so einfach zu trennen von anderen Dimensionen menschlichen Lebens. Zur Religion gehörten auch damals nicht nur der Sonntagsgottesdienst und die Kasualien wie Taufe, Konfirmation, Hochzeit und Beerdigung. Sie umfasste die Gesamtwirklichkeit des Lebens – und damit auch das patriotische Leben vieler Deutscher. Insofern implizierte Protestantismus auch ganz selbstverständlich Patriotismus.

Die Masseneuphorie der ersten Kriegstage ist als „Augusterlebnis“ in die Geschichte eingegangen. Welche Rolle spielte dabei die Kirche?

Markschies: Die Kirche war in vorderster Front bei der Erweckung des Nationalbewusstseins mit dabei – wie andere gesellschaftliche Kreise auch. Sie war zugleich ein selbstverständlicher Teil der euphorisierten Massen und hat mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln diese Euphorisierung noch befördert – mit Predigten beispielsweise. So wurde etwa die Neutralität Belgiens zur „quantité négligeable“, zur vernachlässigbaren Größe, erklärt. Der renommierte Berliner Theologe Reinhold Seeberg hat bis 1918 die These vertreten: Wenn man im Zuge der „Verteidigung des Vaterlandes“ einen belgischen Soldaten erschießt, vollstreckt man das Werk der Nächstenliebe Christi an ihm.

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1 Comment

  1. Nicht zur Sprache kommt, dass der Erste Weltkrieg viele zuvor christliche Menschen sehr stark über ihren Glauben hat nachdenken lassen. Das kann z.B. in dem Bestseller der Weimarer Republik „Kriegsbriefe gefallener Studenten“ nachgelesen werden. Dementsprechend gab es nach Ende des Krieges auch eine erneute Kirchenaustrittswelle, stärker noch, als die beiden vor dem Ersten Weltkrieg.

    Außerdem aber kam es zu einer patriotischen Umdeutung des als orientalisch und jüdisch empfundenen Christentums. Das waren dann die sogenannten „Deutschen Christen“ des Dritten Reiches, die an einen arischen Jesus glaubten, das Alte Testament nicht mehr gelten lassen wollten, und die damit erst vielen zuvor ganz patriotischen Protestanten wie den Brüdern Niemöller dazu veranlaßten, das Wählen von Adolf Hitler und alles damit Zusammenhängende unter neuen Vorzeichen zu sehen, als sie das zuvor getan hatten.

    Nicht der Erste Weltkrieg führte INNERHALB der protestantischen Kirche zum wirklichen Umdenken, zur „Bekennenden Kirche“, sondern erst die Erfahrung mit der sogenannten „Glaubensbewegung Deutsche Christen“ nach 1933. Dieser Umstand wird von Markschies nicht genügend herausgearbeitet. Niemöller war doch nach 1945 Pazifist, wenn ich mich nicht irre und unterzeichnete wie viele andere das ganz „antipatriotische“ Stuttgarter Schuldbekenntnis.

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