Bioethik: Auf dem Weg zum künstlichen Menschen?


Sensation im Mai 2010: Craig Venter präsentierte bereits damals ein Bakterium, dessen Erbmaterial im Labor zusammengebaut wurde. (picture alliance / dpa / J. Craig Venter Institute/ho)
Ein internationales Forscherteam hat erstmals ein Hefe-Chromosom im Labor nachgebaut. Ist das der Anfang von künstlichen Tieren und Menschen? Dieser Frage stellt sich der Philosoph und Bioethiker Joachim Boldt.

Moderation: Liane von BillerbeckDeutschlandradio Kultur

Liane von Billerbeck: Im Mai 2010 präsentierte der streitbare Biowissenschaftler Craig Venter der Welt den ersten Organismus, dessen Erbmaterial vollständig im Labor zusammengebaut wurde: ein kleines Bakterium namens Mycoplasma. Etwa zur gleichen Zeit begann ein internationales Konsortium damit, das Gleiche auch mit der Hefe zu machen. Auch die Bäckerhefe sollte ein synthetisches Genom erhalten.

Noch ist die synthetische Hefe nicht fertig, aber heute stellte das internationale Forscherteam in der Zeitschrift „Science“ das erste künstlich nachgebaute Hefechromosom vor, ein kleiner Teil des Hefe-Erbmaterials, gewissermaßen die erste von 16 Etappen.

Das Hefechromosom aus dem Labor ist jetzt mein Thema im Gespräch mit Dr. Joachim Boldt, der Philosoph und Bioethiker ist stellvertretender Direktor des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg und jetzt am Telefon. Herr Boldt, ich grüße Sie!

Joachim Boldt: Ja hallo, guten Tag!

von Billerbeck: Bäckerhefe – wenn ich mir die im Kühlschrank ansehe, dann sieht die mir nicht gerade ähnlich, aber offenbar ist die Hefe näher an Pflanze, Tier und Mensch als am Bakterium. Ist das also der Anfang von künstlichen Tieren und Menschen?

Boldt: Ja, noch nicht wirklich, denke ich, aber natürlich, es ist ein kleiner Schritt weiter vielleicht in Richtung auf, ja, Tiere und Menschen, als es jetzt das Bakterium war, das Craig Venter vor vier Jahren mit einem künstlichen Genom ausgestattet hat. Jetzt sind wir bei einem Organismus der Hefe, der schon einen Zellkern hat, immer noch einzellig, aber mit Zellkern, also eine etwas höhere Stufe der Komplexität – das auf jeden Fall, ja.

weiterlesen