Überlegungen zu einem Stück Fleisch im Kochtopf meiner Tochter


Bild: Tom Appleton
Ich musste die Kamera zücken, denn keine verbale Beschreibung hätte dem puren, fleischgewordenen Horror dieser Slow-Cooker-Monstrosität gerecht werden können. War es der gehäutete Schädel eines Bären, der da vor sich hin schmorte? Dort – schien mir – erkannte ich ein ausgerissenes Auge, und da – ein Ohr? Und hier – ein Knochen, der aus der Nase ragte? Nein, es handelte sich um ein ganz normales Stück Corned Beef, wurde ich belehrt. So kommt es vom Fleischer. So sieht es aus, während es kocht. Später schmeckt es dann sogar richtig gut.

Von Tom AppletonTELEPOLIS

Na, ich war dankbar, dass ich zu dieser Verköstigung nicht eingeladen war. Der Anblick reichte mir vollkommen, um mich das Grausen zu lehren. Ein bisschen erinnerte mich das Ganze an die in großen Weckgläsern eingemachten Exponate der pathologisch-anatomischen Sammlung im Wiener Narrenturm, durch den es auch, wie ich soeben erfahre, Führungen von „VermittlerInnen“ gibt, die, wie es auf der dazugehörigen Webseite heißt, „mehrheitlich MedizinstudentInnen oder promovierte JungärztInnen“ sind.

Einen Moment lang glaubte ich, einer typisch wienerischen Perversion aufzusitzen, der Anblick von in Formaldehyd eingelegten Monsterföten, werde von den weiblichen Reizen junger Medizinerinnen untermalt oder gesteigert – eben „vermittelt“ – bis ich erkannte, dass es sich lediglich um ein Binnen-I handelte, dass es also genauso gut auch männliche Vermittler geben könnte. Vielleicht mit etwas elektronischer Musikuntermalung aus dem Roboter-Labor? Zuhaus bei Doktor Frankenstein, mit Leichners Bühnen-Make-up im Gesicht?

weiterlesen