Die Entdeckung des Unerwarteten: Wissenschaft vs. Religion


Bild: rds
Vor kurzem kam es bei einem Experiment mit einer Kiste Mehl zu überraschenden, nein: schockierenden, wissenschaftlichen Resultaten: Durch Risse in dem geschüttelten Material kam es zu einer energiereichen elektrische Entladung. Der Experimentator kennt den Grund dafür nicht, da diese Reaktion noch nie zuvor in einem Labor untersucht wurde, und keine der gegenwärtigen wissenschaftlichen Theorien, die Anwendung finden könnten, bietet eine unmittelbare Erklärung dafür. Ziemlich cool, oder? Doch bevor Sie in die Küche eilen, um eine Packung Mehl in eine Pfanne zu kippen, um es selbst zu probieren, möchte ich ein wenig näher darauf eingehen.

Von Dean Van DrasekRichard Dawkins-Stiftung

Wäre dies in einem religiösen Kontext passiert, hätte man es als wundersames Ereignis betrachtet, wie etwa die vermeintlich wundersamen Bilder, von denen Hindus annahmen, dass sie Ganesha zeigen, wie er Milch trinkt – bis jemandem Oberflächenspannung und Kapillarwirkung in den Sinn kamen. Oder als Beispiel aus der säkularen Welt: Der bekannte Reporter (und offensichtliche Stadtmensch) Charles Kuralt, der in der Zeit vor Internet und Kabelfernsehen USA-weit in den Nachrichten als erster von dem erstaunlichen schwimmenden Schwein berichtete – nur um daraufhin von jedem Bauer des Landes erklärt zu bekommen, dass alle Schweine schwimmen können (fliegen können sie trotzdem bis heute nicht).

Wie würden also Wissenschaft und Religion mit diesem Mehl-erzeugt-Elektrizität-Ereignis umgehen?

1. Wiederholung

Die Wissenschaft verlangt, dass jeder experimentelle Beweis reproduzierbar ist. Wenn Sie es nicht wiederholen können, dann ist es wahrscheinlich überhaupt nicht so passiert, wie Sie annehmen. Einzelereignisse werden experimentellen Fehlern zugeschrieben; fehlerhaften Geräte, fehlerhafte Messungen, Studenten, die als Laborgehilfen arbeiten, Beeinflussung durch unbeabsichtigte Störquellen, Fehler in der Berechnung oder in der Auswertung, Kobolden etc.

Abgesehen von dem Fall der Milch trinkenden Hindu-Statue bestehen Gläubige üblicherweise nicht auf Wiederholung, es gibt jedoch Ausnahmen. Das „Wunder“ des griechischen „Heiligen Feuers“ wiederholt sich jedes Jahr seit mindestens 1200 Jahren in der Jerusalemer Grabeskirche am Karsamstag. Das Feuer kommt angeblich vom Grab Jesu und entzündet jedes Jahr verlässlich eine Kerze oder ähnliches – es gibt jedoch keine Beobachter von außerhalb, die sehen könnten, wie genau das Feuer zustande kommt. Sie können es sich selbst ansehen, da es üblicherweise live übertragen wird.

Ich persönlich denke, dass sich irgendetwas oder irgendjemand im Grab befindet, mit dessen Hilfe die Kerzen angezündet werden, aber da diejenigen, die die Zeremonie durchführen, niemanden in die Nähe lassen, muss es mangels Beweisen bei Spekulationen bleiben. Wenn es jemandem jemals gelingen sollte, eine Kamera hinein zu schmuggeln und den Patriarchen dabei zu filmen, wie er sein Feuerzeug zückt, dann haben wir auch Beweise.

Und dann gibt es noch seit dem 14. Jahrhundert das jährliche Blutwunder des heiligen Januarius. Es tritt nicht immer ein – in den Jahren, in denen es ausbleibt, befürchten die Menschen, dass es zu einer Naturkatastrophe kommen wird. Es gibt noch eine Reihe weiterer solcher Ereignisse, die in der Öffentlichkeit nicht so bekannt sind. Die Wiederholung stellt also nicht notwendigerweise die Trennlinie zwischen den Wundern der Wissenschaft und jenen der Religion dar.

Für Gläubige ist ein Wunder normalerweise etwas, das per Definition nur einmal vorkommt. Es ist ein Indiz für Gottes Interaktion mit seiner Schöpfung, es ist seine Art, den Gläubigen Zeichen oder Nachrichten zukommen zu lassen – wenn sie sie denn verstehen. Es wäre natürlich viel einfacher, die Nachricht einfach in die Wolken zu schreiben, oder sie auf magische Art und Weise auf jedermanns Stirn erscheinen zu lassen, aber Gott ist heutzutage nicht mehr dafür bekannt , offensichtlich zu sein. Die Tatsache, dass ein „Wunder“ nur ein einziges Mal passiert, ist für Gläubige in der Tat Beweis genug, dass es sich überhaupt um ein Wunder gehandelt hat.

Also würde die Wissenschaft die meisten unerklärlichen Ereignisse, die sich nicht wiederholen lassen, geringschätzen, während die Religion dies nicht notwendigerweise tun würde (obwohl einige religiöse „Wunder“ sich wiederholen).

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