Das Recht auf den Liebesakt


lust_auf_freiheitBis zur Aufklärung verfuhr man im christlichen Abendland nicht anders als muslimische Extremis-ten bis heute. In „Lust und Freiheit“ schildert der Oxfordhistoriker Faramerz Dabhoiwala die Befreiung englischer Männer und Frauen aus den Zwängen mittelalterlicher Kirchenzucht.

Von Adolf HollDie Presse

Sollten Sie, geneigter Leser, zufällig ein Mitglied der iranischen oder der saudischen Moralpolizei sein, können Sie sich die Lektüre schenken. Gemeint ist das gewichtige Werk des Oxfordhistorikers Faramerz Dabhoiwala über die erste sexuelle Revolution im christlichen Abendland. Den Muslimen ist sie fremd geblieben, bemerkt der Autor süffisant am Beginn seines Unternehmens, das die Befreiung der englischen Männer und Frauen aus den Zwängen mittelalterlicher Kirchenzucht schildert.

Was Gänseriche und Gänse zueinandertreibt, unterlag von Paulus bis Marx für die Kinder Gottes strengsten Tabus. Marx: Die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik. Deren Thema war im deutschen Vormärz von liberalen Schriftstellern auf den Punkt gebracht worden: die Wiedereinsetzung des Fleisches.

Weniger plakativ und enger an vergessenen Originaltexten organisiert Dabhoiwala sein Vorhaben. In den Archiven von Westminster im heutigen London hat er den Bericht über eine Gerichtsverhandlung am 10.März 1612 gefunden. Vorgeführt werden die namentlich genannten Angeklagten. Sie sind nicht miteinander verheiratet und haben ein Kind gezeugt. Vor einer Jury aus männlichen Geschworenen sind sie eines abscheulichen Verbrechens schuldig befunden worden. Der Richter ordnet an, sie direkt in das Gatehouse-Gefängnis zu schaffen, beide von den Hüften aufwärts zu entkleiden und sie dergestalt hinter den Karren gebunden vom Gatehouse in Westminster bis Temple Bar auszupeitschen. Dort seien sie augenblicklich aus der Stadt zu verbannen.

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