Protest gegen Esoterik an der Volkshochschule Mainz


Bild: svz.de
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Esoterische Angebote im Programm der VHS Mainz haben massive Proteste ausgelöst. Anlass war der Kurs „Pendelpraxis“, der versprach: „Mithilfe des Pendels werden Sie in der Lage sein, Ihre Lebensmittel, Medikamente, Kosmetika und mehr auf Verträglichkeit und biologische Qualität zu testen.“

Von Dr. Kai FunkschmidtEvangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW)

Die Kritik kam anfänglich aus Reihen der Gesellschaft zur Wissenschaftlichen Untersuchung der Parapsychologie (GWUP) und weitete sich aus, bis Dutzende empörte Stimmen den „unwissenschaftlichen Unfug“ anprangerten. Neben dem Pendelkurs gerieten auch andere Angebote ins Kreuzfeuer. So bietet die VHS Kurse in Astrologie, Tarot und Wünschelrutengehen, zu Schüßler-Salzen, Erdstrahlen, Tai Chi und Ernährung „auf feinstofflicher Basis“. Die Kritiker weisen im Zusammenhang des Pendelkurses auf die Gefahr hin, dass Menschen womöglich verschriebene Medikamente nach negativem Pendelergebnis nicht einnähmen oder ihren Kindern vorenthielten. Dabei ist die VHS Mainz keineswegs einzigartig. Viele der 924 deutschen VHS bieten Kurse zu esoterischen Themen an.

Die Idee der Volkshochschulen wurde von dem dänischen Pfarrer N.F.S. Grundtvigs Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelt, um die Bürger durch Bildung zur Nutzung ihrer demokratischen Mitbestimmungsrechte zuzurüsten. Die einzelnen VHS sind autonom und in der deutsch-föderalen Vielfalt sehr unterschiedlich aufgestellt. Die VHS Mainz gehört zu einer Minderheit: Sie wird zu 80 Prozent aus Teilnehmergebühren finanziert und ist damit besonders auf nachfrageintensive Angebote angewiesen. Der Deutsche Volkshochschul-Verband (DVV) knüpft an Grundtvigs Tradition an, wenn er erklärt, die „Erfolgsgeschichte [der VHS] ist untrennbar verbunden mit gelebter Demokratie. Ihren Bildungsauftrag leiten sie aus den Prinzipien der Aufklärung und den universalen Menschenrechten ab.“

Am 2.9.2014 veröffentlichte die VHS Mainz eine Stellungnahme gegen „einige Personen“, die die VHS „abwerten“. Man sehe sich demnach als „Abbild der pluralen Gesellschaft“, stehe für Offenheit und Toleranz und daher „allen Menschen offen“.

Wichtiger als die Zahl der esoterischen Angebote ist – hier ist den Kritikern Recht zu geben – die Signalwirkung. Was in einer öffentlichen Bildungseinrichtung (teilweise als offiziell anerkannte Weiterbildung) angeboten wird, wird als qualitätsgeprüft und seriös wahrgenommen. Festgeschriebene Kriterien zur Grenzziehung zu inakzeptablen und unseriösen esoterischen Angeboten gibt es seitens der VHS nicht. Man kann daher fragen: Bedeutet die unbestrittene „Offenheit für alle“ auch eine umstrittene „Offenheit für alles“? Sollte sich Weiterbildung wirklich vor allem an der Nachfrage ausrichten und als Abbild der Gesellschaft verstehen? Besteht Bildung nicht gerade im Überwinden von Aberglauben durch wissenschaftliche Methoden und Vernunft? Irritierend ist es, wenn von den Kritisierten derartige Fragen zu den Grenzen des öffentlichen Bildungsauftrags als „Ruf nach Zensur“ geächtet werden. Andererseits ist der meist polemische Duktus der GWUP-Kritiker wenig gesprächsfördernd.

Anders positionierten sich nach ähnlichen Diskussionen im November 2013 die Österreichischen VHS: „Wir haben uns österreichweit ganz bewusst entschieden, eine Esoterik-Richtlinie einzuführen. Wir bieten keine Kurse an, die keinen wissenschaftlichen Hintergrund haben”. Allerdings bindet dies die einzelnen VHS nicht.

Trotzdem wäre es wünschenswert, wenn ein solches Signal für Bildung im Sinne der Aufklärung und des kritisch-analytischen Denkens von den deutschen VHS erginge. Auch aus evangelischer Sicht ist die Trennung von Glaube und Vernunft festzuhalten. Uns ist aufgegeben mit der gottgegebenen Vernunft die Welt zu erfassen. Wer den kategorialen Unterschied zwischen dieser Vernunft und den auf Übernatürliches zielenden Pseudowissenschaften vermischt, verrät nicht nur die Aufklärung, sondern auch die Unterscheidung von Schöpfer und Schöpfung.