Vom Menschen zum Monstrum


Die Erbsündelehre beschränkt den Kreis der Erlösungskandidaten: Tag des Jüngsten Gerichts als Flachrelief an der Fassade des Doms von Orvieto in Umbrien. Foto: imago
Der Philosoph Peter Sloterdijk über den zerborstenen Generationenvertrag, die Erbsünde sowie den Unterschied zwischen einer naiven und sentimentalen Moral.

Interview Michael HesseFrankfurter Rundschau

Herr Sloterdijk, Sie bezeichnen die Menschen der Moderne in Ihrem Buchtitel als „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“. Hinter dem Gedanken der „schrecklichen Kinder“ steckt die Figur der Abtrünnigkeit, das Losreißen von den Eltern. Was hat dieser Bruch mit der Tradition bewirkt?
Ich beschreibe die Moderne als ein umfassendes anti-genealogisches Experiment. Dieses gründet in dem Umstand, dass es keine kulturellen Automatismus mehr gibt, der auf gesicherte Weise von Großeltern zu Kindern zu Enkeln führt. Vielmehr könnte in jedem genealogischen Intervall die ganze Kette reißen. Für die Moderne ist typisch, dass sich das Intervall zwischen Eltern und Kindern bei jeder Wiederholung etwas weiter aufspreizt.

Eltern und Kinder werden einander immer unähnlicher?
Unvermeidlich, auch weil die Lebenswelten sich so rasch verändern. Die Moderne lässt keinen anderen Befund zu. Die herkömmliche Orientierung am Wissen der Alten geht fast völlig verloren, das Alter verliert seine Autorität. Damit beginnt das Zeitalter der immer unähnlicheren Kinder. Manchmal hat man den Eindruck, in einem einzigen generation gap könnte die Welt untergehen. Man staunt, dass die Welt trotz allem noch da ist.

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