Sokratische Demokratie


Büste des Sokrates, römische Kopie eines griechischen Originals, 1. Jahrhundert, Louvre, Paris. Bild wikimedia.org/CC BY-SA 2.5
Der Philosophieprofessor Michael Hampe begeistert sich in seinem Buch Die Lehren der Philosophie weniger an deren Tauglichkeit, sich dem akademischen und öffentlichen Diskurs anzupassen, als an ihrem subversiven Potential. Dieses versucht er unter Rückbesinnung auf Sokrates und mit einem Blick auf Wittgenstein herauszuarbeiten.
Von Reinhard JellenTELEPOLIS

Herr Hampe, welchen Einfluss hat die gesellschaftliche Praxis auf die Philosophien und umgekehrt?

Michael Hampe: „Die Philosophien“ im allgemeinen sind eine zu heterogene Gruppe, um die Relevanz der gesellschaftlichen Praxis für sie und die der Philosophie für die jeweilige Praxis einzuschätzen. Es gibt auf der einen Seite in der Philosophie Tätige, die ganz auf die internen professionell-akademischen Probleme ihrer Disziplin, beispielsweise der Modallogik, bezogen sind, keinen Kontakt zu den Einzelwissenschaften pflegen und sich nicht um die gesellschaftliche Praxis kümmern. Sie gehen in der Regel von Modellen der Erkenntnis aus, in denen die konkreten einzelwissenschaftlichen Verfahren und die konkreten gesellschaftlichen Verhältnisse gar keine Rolle spielen. Die Ergebnisse, zu denen die sich in der solchen Idealen des Erkennens bewegende Philosophie kommt, sind wiederum völlig irrelevant für die Einzelwissenschaften und das gesellschaftliche Leben.

Auf der anderen Seite arbeiten Philosophen mit Medizinern, Politikern, Menschenrechts- und Klimaschutzorganisationen zusammen, kümmern sich um die Ethik der Sterbehilfe und der Tierhaltung, Probleme des so genannten gerechten Krieges und möglicher Anreizsysteme zur Verringerung des CO2-Ausstosses. Ob die so konkret arbeitenden Philosophinnen und Philosophen in ihrer Arbeit von allgemeinen Ideologien und abstrakten Doktrinen geleitet werden oder ob ihre Reflexionen vor allem durch ihre Erfahrungen mit den konkreten Problemen gesteuert werden, mit denen sie zu tun haben, kann man nur im Einzelfall entscheiden.

Und zwischen den Formalisten im akademischen Elfenbeinturm und den ganz angewandt arbeitenden Philosophen mit und ohne ideologische oder doktrinäre Scheuklappen gibt es eine Reihe von Abstufungen im Praxisbezug. Es gibt politische Philosophien des Liberalismus, die nichts als eine „philosophische Absegnung“ bestimmter gesellschaftlicher Verhältnisse im Spätkapitalismus sind und es gibt philosophische Untersuchungen, wie die von Raymond Geuss, die sehr konkrete politische Entwicklungen, wie beispielsweise das Verhalten von Tony Blair im Irak-Krieg extrem kritisch analysieren, ohne dabei einfach schematisch eine bestimmte praktische oder politische Philosophie, sei es die von Kant oder Mill oder die von Marx oder Adorno einfach zur Anwendung zu bringen.

weiterlesen