‚Das 21. Jahrhundert kennt keine positiven Utopien‘


exzellenzclusterPressemitteilung

Das 21. Jahrhundert kennt nach Einschätzung von Kulturwissenschaftlern in Literatur, Kunst und Politik keine positiven Gesellschaftsutopien mehr. „Die Herausforderungen der Zukunft wie Klimawandel und Digitalisierung werden vielmehr oftmals in apokalyptischer Sprache beschrieben und rhetorisch mit dem Weltuntergang verbunden“, erläutert Literaturwissenschaftler Dr. Christian Sieg vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Uni Münster. „Angesichts von Wirtschaftskrisen, Kriegen und Umweltkatastrophen sehen wir der Zukunft seit Jahrzehnten skeptisch entgegen.“ Positive Zukunftsvisionen seien nicht sehr zahlreich. „Die wenigsten Menschen können den utopischen Meistererzählungen des vorigen Jahrhunderts wie dem Sozialismus oder dem Glauben an Fortschritt durch Technik noch folgen.“ Der Forscher kündigte die nächste Ringvorlesung des Clusters zu „Zukunftsvisionen zwischen Apokalypse und Utopie“ an.

Die öffentliche Reihe, die das Habilitandenkolleg des Exzellenzclusters organisiert, beginnt am 14. Oktober. Sie widmet sich der Geschichte apokalyptischen und utopischen Denkens von der Antike bis heute. Die Themen reichen von prophetischen Texten aus dem antiken Ägypten über geschichtsphilosophische Zukunftsentwürfe und Richard Wagners „Kunstwerk der Zukunft“ bis zum utopischen Frauenbild spanischer Faschistinnen. Auch grüne Utopien der Gegenwart und Kino-Erzählungen wie „Avatar“ und „Cloud Atlas“ werden unter die Lupe genommen. Die Vorträge sind dienstags von 18.15 bis 19.45 Uhr im Hörsaal F2 des Fürstenberghauses, Domplatz 20-22, zu hören.

Unbekannte Insel Utopia

„Die Welt ist durch die Globalisierung so eng zusammengerückt, dass es heute schwer fällt, sich noch einen unbekannten Ort ‚Utopia‘ als Projektionsfläche für eine ideale Zukunft vorzustellen“, so Christian Sieg. „Wünsche werden allenfalls mit einer Besiedelung des fernen Mars verbunden. Große, weltumfassende Utopien trauen wir uns nicht mehr zu. Die Vorstellung, alles anders und besser machen zu können, hat auch aufgrund unserer historischen Kenntnisse über Probleme beim Aufbau idealer Gesellschaftssysteme an Plausibilität verloren.“ So suchten Menschen heute allenfalls nach Zukunftslösungen für Teilbereiche wie Umweltschutz oder Menschenrechte.

Als „Utopia“ („Nicht-Ort“) hatte der englische Staatsmann und Autor Thomas Morus (1478-1535) eine fiktive Insel mit idealen Gesellschaftsverhältnissen beschrieben und damit Kritik an den Verhältnissen im damaligen Europa geübt, wie der Experte erläutert. „Utopien dienten seit Morus als Gegenentwurf zur zeitgenössischen Gesellschaft.“ Heute seien utopische Visionen allenfalls als Märchen denkbar, an die sich Filme wie „Avatar“ anlehnten. „Die 14 Vorträge der Ringvorlesung werden zeigen, dass Apokalypse und Utopie zwei historisch bedeutsame Zukunftsvisionen sind, deren Bilder und Erzählungen bis heute fortwirken.“ In der Reihe kommen Vertreter der Geschichts-, Rechts- und Politikwissenschaft, Germanistik, Philosophie, Theologie, Archäologie, Ägyptologie und Musikwissenschaft zu Wort.

„Die Menschen haben schon immer über die Zukunft nachgedacht und bedienten sich dabei verschiedener Medien“, so Christian Sieg. „Neben den mündlichen Visionsbericht traten Literatur, Musik, Film und Architektur.“ Ein frühes Beispiel seien die Visionsberichte im Neuen Testament. „Die Apokalypse des Johannes beschreibt eine Erlösungsvorstellung, die die unterdrückten Christen im Römischen Reich trösten sollte. Der Weltuntergang wird hier zum Anfang eines neuen, besseren Zeitalters, dem Himmlischen Jerusalem.“ Diese Vorstellung schlug sich auch vielfach in der Architektur nieder, wie der Wissenschaftler an einem Beispiel aus der Ringvorlesung darlegt: „In der Frühen Neuzeit orientierte sich die Stadtplanung in einigen Fällen an Beschreibungen des Himmlischen Jerusalems. So wurde aus Städten ein sakraler Raum.“

Auf die apokalyptischen Motive der Bibel griff auch die Literatur bis in die Moderne zurück, wie der Germanist darlegt. Die stereotype Wendung „Ich sah“ des Visionsberichts finde sich etwa in Günter Grass‘ „Die Rättin“. Die für biblische Propheten typische emotionale Reaktion auf Träume und Vorhersagen werde in Christa Wolfs „Kassandra“ aufgegriffen. „Die Neuzeit verwendet den Begriff der ‚Apokalypse‘ allerdings oftmals anders als die Bibel. Er bezieht sich nun auf kein Erlösungsversprechen mehr, sondern wird mit dem endgültigen Weltuntergang gleichgesetzt. Allenfalls kommt es zu einem rudimentären postapokalyptischen Leben, wie es viele Science-Fiction-Bücher und -Filme wie ‚The Day After‘ (1983), ‚I Am Legend‘ (2007) oder ‚The Road‘ (2009) darstellen.“

„Ebenso vielfältig wie die Medien, die Zukunftsentwürfe transportierten, sind ihre politischen und religiösen Funktionen“, unterstreicht der Kulturwissenschaftler. Viele Utopien des 20. Jahrhunderts dienten demnach als Warnungen vor Gefahr oder als Gegenentwurf zu einer Gegenwart, die Menschen verändern wollten. Schließlich dienten Zukunftsvisionen in der Geschichte auch der Herrschaftssicherung, wie der erste Kreuzzug, der als biblischer Endkampf legitimiert wurde. Auch der NS-Propagandabegriff „1000-jähriges Reich“ stehe in dieser Tradition apokalyptischer Vorstellungen. „Schließlich dienten Zukunftsentwürfe auch zur religiösen Artikulation von Jenseitsvorstellungen, wie jene Visionen, die sich auf antiken Grabporträts niederschlugen. Anhand solcher Beispiele wird die Ringvorlesung veranschaulichen, wie religiöse und politische Elemente in Zukunftsvisionen verwoben sind.“ (vvm/ska)

Exzellenzcluster „Religion und Politik“ an der WWU Münster
Johannisstraße 1
48143 Münster

Telefon: +49 251 83-23376
Telefax: +49 251 83-23246

Mail: religionundpolitik@uni-muenster.de
Link zur Pressemitteilung:
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2 Comments

  1. „Die Menschen schon immer über die Uukunft nachgedacht haben“, das mag durchaus zutreffen. Nur in keiner der bekannten Zunkunftsvisonen ist die Erde als begrenzte Ressource berücksichtigt, niemand hat das in Betracht gezogen. Das gab es erstmalig in den Studien zum Weltklima. Die wurden bekanntlich von den Religioten unterdrückt und verändert. um ihren Gotteshumbug als wahr zu berücksichtigen.

    Der rep. US-Abgeordnete John Shimkus negiert den Klimawandel: „Gott hat Noah fest versprochen, so etwas geschieht nach der großen Flut nie wieder.“ Für Vize-Gouverneur E.W. Jackson von US-Virginia werden Geburtsfehler einzig von Sünden der Menschen verursacht, Dumpfbacke Präsident G.W.Bush fragt in Mexiko: “Spricht denn hier keiner Mexikanisch” und berichtet „Afrika ist eine Nation, die unter unglaublichen Krankheiten leidet“. Die moralische Frage – wie kann man die Zukunft einer Nation solchen Idioten überlassen, – die bleibt ohne Antwort.

    Der zweite gravierende Fahler der Zukunftsvisionen ist wohl, man wollte einen „neuen Menschen“ schaffen um ihn dem Wahnbild anzupassen. Das trifft besonders auf die großen Religionen zu, aber auch auf den Kommunismus und Sozialismus. Die Menschen lassen sich nicht so leicht umerziehen, schon gar nicht wenn politische Vortänzer irgendwelche Visisonen haben, sich aber selber nicht daran halten

    Die 3 Buch-Religionen, fast 4.350 Sekten und 3.000 all-mächtige Götter beauftragen sich die Welt zu beherrschen. Nur 20% der Menschen nutzen 80% der Ressourcen, 1 Milliarde vegetiert mit unter 1 US$/Tag. Sie haben eine Möglichkeit für Strom, Kommunkation, Trinkwasser, Abwasser, Energie, Bildung, medizinische und soziale Versorgung, Sicherheit, Es sterben 4 Mill./Jahr an Rauchvergiftung, sie kochen in einem Raum auf offenem Feuer. Die Despoten und Oberhirten gehen lustig Kinderficken und schützen sich gegenseitig. Der verdummbibelten Masse erfüllt das allerliebste Jesulein jeden Wunsch – eifrig beten, Geld spenden und den Papstpuff dulden ist Pflicht. Zombie hat das im großen Plan so festgelegt. Sich anzustrengen, fleißig lernen und arbeiten gilt nur für Ungläubige.

    Die Politk versagt in 100 kommunistischen Paradiesen für Faulpelze und Abzocker, Gewalt, Not und Elend ist dort alltäglich. Wenn die Konzerne vom Despoten enteignet und Spitzenjobs mit treuen Genossen besetzt sind, dann bricht die Produktion ein, Wichtiges gibt es nur auf Marken und marschieren wird Pflicht. Wer sich weigert, der wird zum Schädling oder verschwindet gleich spurlos wie in Argentinien, Chile, Venezuela, Cuba, Rhodesien, Kroatien, Kambodia, China, Gross Deutschland, DDR usw.

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  2. der der das sagt „das 21 Jahrhundert kennt keine…….“der sollte überlegen es hat gerade begonnen und so bleiben über 900 Jahre in denen sich noch einiges erwarten lässt……………….

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